Rezension: Graeme Simsion: Der Rosie Effekt

Da war es wieder mal um mich geschehen. Kaum hatte ich Mutter Zeilenende meine Begeisterung für Das Rosie Projekt kund getan, wanderte der zweite Band auf meinen Stapel ungelesener Bücher. Und ich wundere mich, wieso der nicht kleiner wird, tzis. Und ich mache den gleichen Fehler wie zuletzt auch: Nur mal kurz… Nur mal kurz waren zwei Nachmittage ohne Post-its, wenn auch nicht so vergnüglich wie das Debut.

Inhalt lt. Amazon.de

Don Tillmans »Ehefrau-Projekt« hat geklappt. Er lebt mit Rosie in New York. Und Rosie ist schwanger. Don will natürlich der brillanteste werdende Vater aller Zeiten sein, stürzt sich in die Forschung und entwickelt einen wissenschaftlich exakten Schwangerschafts-Zeitplan für Rosie.
Aber seine ungewöhnlichen Recherchemethoden führen erstmal dazu, dass er verhaftet wird. Was Rosie auf keinen Fall erfahren darf, um ihre Beziehung nicht zu belasten. Also muss Don improvisieren, seinen Freund Gene einspannen und Lydia, die Sozialarbeiterin, davon überzeugen, dass er ein Superdad sein wird. Bei alledem übersieht er fast das Wichtigste: seine Liebe zu Rosie und die Gefahr, sie genau dann zu verlieren, wenn sie ihn am meisten braucht.

Wiederholungen

Ich denke, das Lesegefühl spricht für sich und da meine Rezensionen das Buch spiegeln sollen, will ich gar keine großen Worte verlieren. Nur so viel: Wer wie ich mit den Zwängen sozial konformen Verhaltens gelegentlich hadert, weil er das Leben rational angeht, wird in Protagonist Don die ein oder andere Ähnlichkeit entdecken. Obwohl Don offensichtlich schwerwiegende Probleme hat, geht er das Leben nichtdestotrotz optimistisch an, scheitert aber regelmäßig an der Welt. Irgendwie schafft er es doch, durchzukommen. Auf dem Weg zum Glück warten Fettnäpfchen, Missgeschicke und peinliche Situationen en masse. Dem Leser wird nie langweilig, der Humor wird aber auch nicht überstrapaziert, …

Aber

… manchmal wird es doch arg unrealistisch oder holzschnittartig. Was ich zum ersten Teil gesagt habe und oben per Copy & Paste übernommen habe, stimmt durchaus auch für den zweiten Band. Das Problem ist, dass manches einem in diesem Buch doch arg bekannt vorkommt. Gene, Dons bester Freund aus Australien, wird auch wieder in die Story eingebaut, obwohl das Paar doch mittlerweile in den USA lebt.

Das ist eines von zwei großen Mankos des Buches. Es ist weiterhin lustig, leicht und lustvoll zu lesen, aber an manchen Stellen, gerade da wo das Potential für Neues gegeben wird, verfährt der Autor doch arg holzschnittartig. Sei es das Auftauchen von Gene, das an den Haaren herbeigezogen ist, Dons Beziehung zu Lydia, die ihn zu erpressen scheint, sei es die neue Wohnung der Tillmans, die kaum Wünsche offen lässt und sich ganz zufällig aufdrängt, das Verhältnis Dons zur Frau seines Freundes Dave, das eher beiläufig eingeführt wird und sich allzu rasch zu Kumpanei entwickelt.

Und vor Allem

Die gelisteten Punkte sind allesamt Kleinigkeiten, die vor Allem nach dem Lesen in ihrer Masse auffallen. Während des Gangs durch die Geschichte fallen sie nur dadurch auf, dass der geneigte Leser hin und wieder ungläubig den Kopf schüttelt. Das Hauptproblem ist Rosie:

Rosie ist im ersten Band Dons bessere Hälfte und versteht Don vielleicht besser als er sich selbst. Gleichzeitig hat Don im ersten Band eigentlich gelernt, Rosie zu verstehen. Und was Rosie vor allen Dingen gelernt hat ist, dass sie Don manchmal nicht versteht und deshalb nachfragen muss. Insbesondere die letzte Regel missachtet sie. Rosie ist im zweiten Buch die meiste Zeit über derart unerträglich, egoistisch, verständnislos, überfordert und manchmal mit Ignoranz geschlagen, dass ich überlege, mich von Schwangeren zukünftig noch entfernter zu halten als ich das ohnehin schon tue.

Ja, Rosie ist schwanger, ja, Rosie hat viel Stress, ja, Rosie hatte eine eigene komplizierte Kindheit, aber das ist noch lange kein Grund, ein komplett anderer Charakter zu werden als derjenige, der uns im Rosie Projekt begegnet.

Für Don gilt ähnliches: Auch er scheint seine Lektionen aus dem letzten Band vergessen zu haben. Das Problem ist, dass Don dabei einem logischen Skript folgt, das er auch darlegt: Rosie darf sich nicht aufregen. Während Dons Verhalten also durch ihn selbst begründet wird, kommt man an Rosie nicht so recht heran. Deshalb ist mein Urteil über sie vielleicht unfair, weil es der Perspektive geschuldet ist, aus der wir ihrem Verhalten begegnen. Aber auch das ändert nichts daran, dass Rosie nervt.

Fazit

Wem der erste Band zu pathetisch geendet hat, zu viel Friede, Freude, Eierkuchen am Ende hatte, wird sich über den Rosie Effekt freuen, denn hier ist Schluss mit Kuscheln, der harte, grausame Alltag hat das Paar im Griff. Das führt zu Problemen, die der Geschichte sicherlich etwas mehr Realismus geben, aber unter dem geschilderten Rosie-Problem leiden.

Der Humor ist nach wie vor leichtfüßig, man fliegt regelrecht durch die Geschichte. Er ist nicht so neu und erfrischend wie im ersten Band, aber auch noch nicht abgestanden und muffig.

Fortsetzungen haben es oft nicht leicht, weil sie zwischen Bekanntem und Neuem balancieren müssen, ohne ein Gleichgewicht gefunden zu haben. Das stellt sich meistens doch erst mit dem dritten, vierten oder fünften Band ein (Ausnahmen bestätigen die Regel). Von daher hat Simsion seine Aufgabe gut gelöst: Der Rosie Effekt ist solide, komische Unterhaltung und sollte unbedingt gelesen werden.

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