Ethischer Relativismus

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich diesen Beitrag schreiben müsste, aber ich habe in irgend einer Radiosendung davon gehört, dass eine Wirtschaftsuniversität in den USA ihren Lehrstuhl für Wirtschaftsethik abgeschafft hat. Begründung des Universitätspräsidenten: Es gebe keine allgemein verbindliche Ethik, also sei der Lehrstuhl überflüssig und könne zugunsten von mehr Wirtschaftslehre durchaus wegrationalisiert werden.

Ich möchte nicht die Wirtschaftsethik retten, als eigenständige Disziplin gibt es die nur insofern, dass Wirtschaftsethik von Ethikern betrieben werden muss, die von Wirtschaftsprozessen Ahnung genug haben, um sie analysieren zu können (vgl. zum universellen Anspruch der Ethik meine Gedanken hier). Das Argument hinter der Abschaffung ärgert mich allerdings: Es gibt keine allgemeingültigen Normen, also ist Wirtschaftsethik beliebig.“ Das ist, mit ein wenig Kosmetik, ethischer Relativismus.
Der ethische Relativismus behauptet, es gebe keine allgemeingültigen Normen, alle Normen sind kulturell konstituiert, deshalb nennt man ihn auch Kulturrelativismus. Der Relativismus kommt entweder mit einer paternalistischen (Halte dich an die Normen deiner Kultur) oder einer anarchistischen (Tu was dir beliebt) Ausprägung daher. Das Problem ist: Der ethische Relativismus widerspricht sich selbst. Das ist kein Hexenwerk, sondern simple Logik.

Es gibt keine allgemeingültigen Normen.
Das ist gleichbedeuten mit
Es gibt nicht eine allgemeingültige Norm.
Das ist gleichbedeutend mit
Für jede Norm gilt: Sie ist nicht allgemeingültig.
Und das ist wiederum gleichbedeutend mit:
Für alle Normen gilt: Sie sind nicht allgemeingültig.

Die Behauptung des ethischen Relativismus beansprucht dummerweise also selbst Allgemeingültigkeit. Er trifft eine Aussage über alle denkbaren ethischen Normen. Der ethische Relativist muss für seine Behauptung über ethische Normen annehmen, dass seine Behauptung universell gültig ist. Sobald er aber ethische Konsequenzen, egal ob die anarchistische oder paternalistische, zieht, erklärt er seinen Relativismus zur ethisch gesetzgebenden Norm. Wäre er konsequent, müsste er sich einschränken und sagen, dass seine Aussage, es gäbe keine allgemeingültigen Normen nicht für alle Menschen gilt. Und BOOM, haben wir den schönsten Widerspruch und unsere Ausgangsthese vom ethischen Relativismus ist dahin.
Es gibt sicherlich feinsinnigere Begründungen für ethischen Relativismus. Aus meinen Aussagen folgt auch nicht, dass wir universelle Normen kennen würden. Aber wir haben ein starkes Argument dafür, dass es mindestens eine solche Norm geben muss. Da beginnt das Geschäft des Ethikers: Normen formulieren und auf ihre Anwendbarkeit in konkreten Fällen überprüfen. Nur, weil sich Wirtschaftsethiker ständig über alles mögliche streiten, heißt das nicht, dass sie im luftleeren Raum streiten. Liebe Wirtschaftsleute, ihr seid doch so fürs Konkurrenzprinzip: Fördert Lehrstühle für Wirtschaftsethik, damit möglichst viele Lehrmeinungen institutionell abgesichert sind. Dann lasst sie aufeinander los und um Anhänger buhlen. Am Ende wird sich, wenn der Markt der Anhänger hinreichend dereguliert ist, bestimmt ein Monopol bilden und die Wahrheit ans Licht bringen, uns verraten, worauf es in der Ethik wirklich ankommt. Wenn nicht, dann bleibt immerhin die Einsicht, dass Ethik und Konkurrenzprinzip eine Schnittmenge haben. Und dann hätte die Ökonomie endlich eine Daseinsberechtigung als Teil der Conditio Humana. Das ist mehr an normativer Grundlage als sie derzeit hat.

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