Perfektion

Ja, ich bin eitel. Ja, ich höre gern Komplimente. Ja, manchmal betreibe ich Fishing for Coompliments. Nein, das ist kein Grund, mich damit so lange zu bewerfen, bis ich mich gesteinigt fühle.

Es gibt unter Menschen in Sozialberufen dieses übertriebene Bedürfnis zu loben und keinerlei Selbstkritik zuzulassen. Alles ist toll, alles ist super und der zarte Einwand, man mache nur seinen Job oder an manchen Stellen ging es nur mit Improvisation gut, weil die Planung da echt mies war, wird niedergebügelt.Das ganze ist schon lästig genug, weil man so zuverlässig verhindert, dass der stets Gelobte ein realistisches Verhältnis zu seiner eigenen Leistung entwickelt und die Fähigkeit zur Selbstreflexion droht durch ständige Loberei langsam aber sicher durch Größenwahn ersetzt zu werden.
Das Ganze lässt sich steigern, weil sich dieses stete Loben und Komplimentieren auch auf Banalitäten erstreckt. Uh, du kannst so schnell tippen… Ich tippe mit sechs Fingern leidlich schnell, nur glücklicherweise einigermaßen fehlerfrei … Ich werde nie so gut werden. Ja klar, wenn du dich nur daran aufgeilst, wie gut ich etwas kann, statt dich auf deinen Arsch zu setzen und die Mail selber zu tippen, kann ich dir auch nicht helfen.
Du bewunderst mein Zeitmanagement, übersiehst aber völlig, dass ich manche lästige Aufgabe, die mir schwerer fällt als jemand geeigneteren einfach weiterdelegiere und pünktlich Feierabend mache, egal ob ich alles geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe oder nicht. Solange ich alle wirklich dringenden Dinge getan habe, ist morgen auch noch ein Tag. Dein Problem ist, dass du eigentlich nicht weg willst von der Arbeit.
Versteh mich nicht falsch, Komplimente sind toll, aber sie sollten nicht anlasslos sein. Ich will dafür gelobt werden, wenn ich etwas besonders gut hinbekommen habe, nicht wenn ich einfach nur meinen Job mache. Nur weil dir manches schwer fällt ist es noch lange keine Leistung, dass ich es besser kann. Es ist lediglich ein Hinweis, dass du ein gesundes Verhältnis zu deinem Defizit entwickeln solltest.
Wir-haben-uns-alle-lieb ist keine Option. Für ein gesundes Verhältnis zu sich selbst und zur eigenen Leistung braucht es vor allem realistische Einschätzungen. Von Komplimenten kann ich mir nichts kaufen, wenn ich dafür gelobt werde, wie toll ich furzen kann. Ich kann es nicht leiden, über den grünen Klee gelobt zu werden, ich finde das respektlos. Und dir hilft es auch nicht, wenn du dich so nieder machst. Denn das tust du, indem du mich lobst. Du machst mich zu deinem Säulenheiligen. Du stellst mich auf ein Podest und misst dich dann an deinem Ideal das du von mir hast und bekommst Minderwertigkeitskomplexe.
Du siehst, eine Prise Realismus würde nicht nur mir gut tun, sie wäre auch besser für dich. Du meinst, dass sei nur ein Anfall von Misanthropie meinerseits? Du magst die Menschen einfach nur und musst das in die Welt hinausbrüllen, sobald es dir in den Kopf kommt? Dann habe ich ein anderes Deutungsangebot:
Du lobst mich ständig, weil du hoffst, auch mal ein Lob zurückzubekommen. Aber du wehrst jedes Lob ab. Das, was du dir anmaßt, andere Menschen realistisch zu beurteilen, sprichst du anderen Menschen ab. Das ist eine verdrehte Art von Hochmut. Nochmal: Nimm die Welt, nimm dein Leben, nimm andere Menschen wie sie sind. Das heißt vor Allem, bemühe dich um Realismus, Himmelsakra!
Du bist beleidigt, weil ich wieder mal so grob bin? Gut, dann sage ich jetzt nichts mehr. Morgen wirst du sagen, ich habe so recht. Aber was draus gelernt hast du nicht. Schweigen heißt übrigens nicht, dass ich dich nicht mag, aber es macht keinen Sinn, jetzt weiter mit dir zu reden. Konsequenzen muss ich keine fürchten. In drei Tagen hast du meine Standpauke vergessen. Und quatschst mich wieder voll mit deinen Defiziten, die ich natürlich nicht habe. Ich bin halt einfach perfekt.

18 Kommentare zu „Perfektion

  1. schmunzel….

    Ein Lob ist nie verkehrt, denke ich.
    Kritik schwächt beide Seiten, den Kritiker und den Kritisierten, das muss nicht sein, die Kahuna sagen, wenn eine Kritik angebracht ist, dann soll man ihr ein Lob vorausschicken oder noch besser sie in zwei Lobs einpacken.

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    1. Ich hab auch nichts gegens Loben. Ich finde, manche Leute müssten das viel häufiger tun, die Frage ist für mich, nach welchen Maßstäben man was lobt. Und die Maßstäbe gehen verloren, wenn man nur und alles lobt. Für mich ist Kritik immer konstruktiv, wenn sie fair ist und eine Perspektive bietet. Dann darf sie auch hart sein.

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  2. Ein „perfekter“ Beitrag, den ich „nie“ so schreiben könnte, und würde ich es hundert Jahre lang versuchen… 😜

    Spaß beiseite, ich finde tatsächlich, dass der Umgang mit Lob zu den schwierigsten Dingen in unserer Gesellschaft gehört. Wenn ich mit der Schul-Big Band ein Konzert abgeliefert habe und gelobt werde, fühle ich oft eine große Befriedigung, weil glücklicherweise alles (oder zumindest das Meiste) geklappt hat. Aber: Lag das „nur“ an mir?

    Immerhin habe ich mir angewöhnt, mich wirklich über ein Lob zu freuen und mich ganz offen zu bedanken. Das tut gut.

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    1. Schleimer … Und danke. Kannst du es beim nächsten Mal mit einem Geigenteppich untermalen? 😁

      Ja, Lob tut gut und ich werde gern gelobt, da mache ich mir nichts vor. Das stärkt das Selbstbewusstsein und kann manchen nagenden Zweifel beseitigen. Aber wenn das Lob zum Sedativum wird, entwertet es, ist bedeutungslos … Oder übernimmt eine andere Funktion. Zu loben, nur weil man was Nettes sagen möchte, wirkt zumindest anbiedernd – und ich habe oft das Gefühl, dass es so gemeint ist. Ich lobe dich und bekomme Beachtung, weil ich sonst keinen Weg sehe, mit dir zu kommunizieren. Lob ist schwierig, weil wir insgesamt ein Kommunikationsproblem zu haben scheinen. Gerade auch wenn eine Gruppe gelobt, aber der einzelne adressiert wird, das ist dann die Königsklasse der Problembehandlung: Da hilft nur, das Lob zu teilen und sich gemeinsam zu freuen. Dann entfaltet es auch seine Wirkung. Ich habe gemeinsam mit Anderen was hinbekommen.

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    1. Genau. Das ist der doppelte Boden des Beitrags, radikal subjektiv, unbarmherzig und wenig reflektiert. Es ist der Versuch, ein Unbehagen, ein Gefühl zu Papier zu bringen, das ich im Umgang mit einem bestimmten Schlag Mensch habe und den ich deshalb tunlichst zu meiden versuche.

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        1. Wann immer er mir begegnet, einen Blogbeitrag darüber schreiben, um mich von dem Unbehagen frei zu machen. Leider ziehe ich solche Menschen aus unerfindlichen Gründen magisch an und mit manchen muss ich auch noch zusammenarbeiten. Wie gut, dass man sich seine Kollegen nicht aussuchen kann, sonst wäre es langweilig. 🙂

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  3. Auch ich kenne solche Menschen. Die sind überall vertreten. Am liebsten auf der Vorgesetzten-Ebene. Die werden nämlich mit Vorliebe von ihren Vorgesetzten auf Motivations-Seminare geschickt. Und was lernt man da? Loben, was das Zeug hält. Das stärkt die Mitarbeiter-Bindung. Der Teamgeist wird gefördert. So kommen diese armen Seelen völlig motiviert von einem Seminar, um dann gleich am Montag alles und jeden noch so kleinen Pubs zu loben. Bis es lächerlich wird. Und das schlimme ist, die merken das noch nicht mal. Beifall für Deinen Artikel!

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  4. „Es ist der Versuch, ein Unbehagen, ein Gefühl zu Papier zu bringen, das ich im Umgang mit einem bestimmten Schlag Mensch habe “

    großes Lob;-) ich würde es auch gern machen, aber dann müßte ich mir ein neues Blog bauen;-)

    *jetzt auch noch liken geh*
    🙂

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  5. Hey, warum tütest Du das Lob eines „Massenlobers“ nicht einfach in die Kategorie „wertlos“ ein und freust Dich einfach über die Lobeshymnen derer, die nur „gezielt“ loben (dann, wenn sie es auch so meinen…)?

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    1. Berechtigte Frage. Das Problem ist, dass da mehr dran hängt. Es gibt vier Gründe:
      1) Ich könnte keine Motzbeiträge mehr über dieses Verhalten schreiben, ausgereizt ist das nämlich noch nicht. 🙂
      2) Mit dem ständigen Lob geht die angesprochene Erwartungshaltung des Gegenübers einher, zurück zu loben. Tut man das nicht, läuft man ständig Gefahr, als Schurke denunziert zu werden. Wenn es sich bei der betreffenden Person um einen beruflichen Kontakt handelt, ist das potentiell eine Gefahr. Außerdem ist das eine Art Verfall von gesellschaftlicher Kommunikation: Wenn immer nur gelobt wird, ist Kritik sofort Beleidigung.
      3) Ich ärgere mich darüber, wenn man bzgl. meiner Person vor Dritten eine Erwartungshaltung aufbaut, denn die Kommunikation des Lobs mir gegenüber ist ja nur der eine Teil. Ich gehe davon aus, dass meine scheinbaren Qualitäten auch anderen gegenüber herausgestellt werden … Und seien es Vorgesetzte. „Sie sagen, der Herr Zeilenende könne vorzüglich pupsen? Das muss er unbedingt bei der nächsten Besprechung vorführen. Und weil er so toll tippen kann, darf er ab sofort den ganzen Bürokram zusätzlich zu seiner Arbeit machen.“ Nicht gut.
      4) Lob nutzt sich ab, auch wenn es aus anderer Richtung kommt. Die Selbstwahrnehmung bleibt unter Propaganda irgendwann auf der Strecke.

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      1. mmmh….ich werde mir zu dem Thema nochmal Gedanken machen müssen….Ich finde (zumindest momentan und ohne weiter darüber sinniert zu haben) schlimmer, wenn man merkt, dass manche Leute sich lieber die Zunge abbeißen würden, als ein einziges Lob loszuwerden (aus einem Neid auf was auch immer heraus…). Also, überschwengliches und berechnentes Lob kommt mir irgendwie selten in die Quere habe ich den Eindruck. Und ernstgemeintes Lob von Personen, denen ich das auf jeden Fall abnehmen kann (weil sie mir nahe stehen oder in der Sache kompetent wirken), freut mich auch. Auch, wenn ich schon mal Probleme mit dem einfach nur annehmen und „danke“ sagen habe. Ich spiele meine Leistungen leider gerne offiziell runter – bloß keinen Neid erwecken…Ich weiß aber zumindest, dass man das besser nicht machen sollte…..und das auch schon seit langem…na, immerhin :-D.
        Offensichtlich habe ich also eher ein Problem mit Neid und Lob erhalten/annehmen. Vielleicht können wir uns gegenseitig was abgeben 😉 Aber es stimmt schon, es nutzt sich wohl sehr ab bei inflationärem Gebrauch. Gegen den inflationären Gebrauch von Worten habe ich ja auch schon mal was zum Besten gegeben. Man kann es dann einfach nicht mehr ernst nehmen und stumpft ab. Im Kollegenkreis wird sowas auch in der Tat gerne manipulativ eingesetzt. Entweder zuviel des Guten oder nichts davon…aber garantiert berechnend (Stromberg lauert überall…..;-) ) Es gibt da bestimmt irgendwo Kurse oder Lesenswertes zu diesen Menschen- und Kollegen-Typen („Umgang mit schwierigen Artgenossen“ oder so ähnlich, meine ich mal gelesen zu haben…). Ich bekam mal ein Buch geschenkt mit dem Titel „am liebsten hasse ich Kollegen“. Was auch immer das zu bedeuten hatte….:-D Ich werde mal weiter über das Thema nachdenken….

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        1. Ich bleibe auch dran, ich habe nämlich durchaus ein Problem mit Dem Lob annehmen, weil ich zur Fraktion der Selten-Lober gehöre und entsprechend das Lob an mir häufig für unangemessen halte … Und mich dennoch freue, manchmal auch gezielt darauf setze, gelobt zu werden, aus Gründen der Selbstdarstellung. Ich bin da immer ein wenig hin- und hergerissen. Lob ist eine zutiefst ambivalente Angelegenheit, alles eine Frage der Dosis. Vielleicht muss ich nochmal was zur Theorie des Gabentausches lesen.
          Ich danke dir jedenfalls für deine Fragen und Überlegungen und die vertiefenden Aspekte, die du damit aufgedeckt hast. 🙂

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