Proust-Fragebogen: Ihre liebsten Romanhelden?

Die dieswöchige Montagsfrage fragt nach Büchern, die nicht hielten, was das Inhaltsverzeichnis versprach. So traurig solche Fälle sind, kann ich mich spontan nicht daran erinnern, wann genau das zuletzt der Fall war und neben guten Büchern teile ich auch schlechte Bücher mit euch. Umso schöner ist es, dass auch der Proust-Fragebogen sich mit der nächsten Frage der Literatur zuwendet.

Ich möchte, da die Frage sich nach mehreren Figuren erkundigt, drei meiner literarischen Helden präsentieren. Sie sind nicht irgendwie geordnet, das halte ich für unmöglich zu verlangen. Eine gute Romanfigur zeichnet sich dadurch aus, dass sie etwas Besonderes ist, dass sie eine Idee in treffender Weise repräsentiert, aus dem Leben gefriffen scheint oder starke Gefühle weckt. Es gibt wahrscheinlich viele gute Romanfiguren, wesentlich mehr als ausgesprochen schlechte. Die, die man gemeinhin schlecht nennt, sind meistens einfach nur mittelmäßig und nichtssagend, aber nicht schlecht. Ich möchte mich übrigens nicht am Begriff des Helden aufhalten, sondern allgemein von Romanfiguren sprechen, denn was ist schon ein Held?

1) Franny aus dem Hotel New Hampshire

John Irving ist so etwas wie mein Schriftstellergott und auf der Liste meiner schönsten Lesestunden rangieren diejenigen, die ich mit seinen Büchern verbracht habe, ganz weit oben. Irving, sofern man ihn liebt und nicht öde findet (dazwischen ist meiner Erfahrung nach wenig Platz), bietet gefühlt unendlich viele großartige Charaktere. Allein im genannten Buch musste ich mich zwischen Frank, Schwanger, Susie und Franny als Lieblingsfigur entscheiden, hinzu kommen aus anderen Romanen bspw. Jenny Fields, die Mutter von Garp, oder Dr. Wilbur Larch aus Gottes Werk und Teufels Beitrag. Aber weil ich Das Hotel New Hampshire für den besten Irving halte, habe ich mich für Franny entschieden.
Franny ist vulgär, unangepasst, stark, zugleich verletzlich und zutiefst verletzt. Franny übernimmt die Rolle der Mutter der Familie und zeichnet nicht zuletzt für das Überleben des Erzählers verantwortlich. Franny hat mich nachhaltig beeindruckt durch ihre Art durchs Leben zu gehen und wie sie ihre Verletzungen mit sich trägt und es ihr am Ende des Romans gelingt, sie zu heilen.

2) Lord Vetinari aus den Scheibenweltromanen

Der aufgeklärte Despot weiß immer, welche Entscheidung er treffen muss, um sich an der Macht zu halten. Er beweist dabei eine unglaubliche Fähigkeit zum logischen und zugleich außergewöhnlichen Denken. Wenn es Phänomene wie Diebstahl gibt, die sich nicht bekämpfen lassen, wieso das nicht wenigstens in geordnete Bahnen lenken und entsprechende Gilden einrichten?

Lord Vetinari weiß über alles Bescheid und hat in allen Vorgängen seine Finger im Spiel, zugleich weiß er natürlich von nichts und ist an nichts beteiligt. Nur so gelingt es, das herrlich anarchische Ankh-Morpok, den unregierbaren Moloch zu regieren. Die Scheibenwelt kennt zahllose großartige Charaktere und Ideen (Sam Mumm, Esme Wetterwachs, Boffo) und jeder Scheibenwelt-Fan hat wohl seinen besonderen Lieblings-Hauptcharakter (Weil ich spätberufener Fan bin, fällt es mir nicht schwer zu sagen, dass meiner Feucht von Lipwig ist). Lord Vetinari ist aber unter dem Personal der Scheibenwelt neben dem Bibliothekar wohl eine eigene Nummer – und das nicht nur wegen seiner Fernduelle mit der Rätselschreiberin der Times.

3) Beckmann aus Draußen vor der Tür

Zum Abschluss eine Prise E-Literatur, denke ich. Ich muss ja was für mein kulturelles Kapital tun, auch wenn ich die Unterscheidung in E und U albern und spätestens seit der Erfindung des „anspruchsvollen Unterhaltungsromans“ für obsolet halte. Aber auch vom E und meinen feuilletonistischen Gelüsten abgesehen, finde ich Beckmann hier recht am Platz, auch wenn er kein Roman-Held ist.

Es gab genau zwei Bücher in meiner Schulzeit, die ich bereits als Schullektüre zu schätzen wusste. Während Homo Faber, Biedermann und die Brandstifter, Herr der Fliegen, Nathan der Weise und co. von mir nach der Schulzeit neu entdeckt werden mussten und ich die diversen Goetheschen Werke immer noch abscheulich finde, bereiteten mir Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ und Borcherts „Draußen vor der Tür“ schon zu Schulzeiten Freude. Brechts Figuren sind allerdings durch die Bank weg funktional.

Bei Beckmann ist das anders. Beckmann war die erste Romanfigur, für die ich Mitleid empfunden habe. Nicht in diesem alltäglichen Sinne, in dem man jemanden für sein übles Geschick bemitleidet, sondern im wörtlichen Sinn, dass ich mit ihm gelitten habe, mit seiner Unfähigkeit, als Kriegsheimkehrer mit seinen Erfahrungen fertig zu werden und draußen vor der Tür zu stehen, unfähig, sich denen drinnen verständlich zu machen. Beckmann ist nicht sprachlos, aber er findet niemanden, der ihm zuhört und erstrecht niemanden, der ihn versteht. Ich denke, dass Beckmann auch nicht verstehbar ist, aber man kann mit ihm fühlen. Ich habe bei der Lektüre mit ihm gelitten. Ich konnte ihn ebenfalls nicht verstehen, seine Situation ist meiner Ansicht nach un-verstehbar, aber gerade das hat mir geholfen, mit ihm zu leiden. Ich bin bei der Lektüre durch tiefe Täler gegangen und Beckmann hat mich berührt. Wenn ich ein wirklich besonderes Lese-Erlebnis hatte, dann war es „Draußen vor der Tür“, deprimiert, wütend, sprachlos, verständnislos.

So viel zu meinem Streifzug durch die Literatur. Ich habe mich bemüht, den Fokus etwas zu verschieben. Beckmann ist der Protagonist seiner Geschichte, aber sicher kein Held, Franny ist wichtige Nebendarstellerin, Lord Vetinari ist eher eine Randfigur. Doch auch an den Rändern der Literatur, neben den Protagonisten entdeckt man häufig Charaktere, die einem ans Herz wachsen können, man muss nur die Augen offen halten. Habt ihr auch besondere Charaktere, die ihr eure liebsten nennen würdet?

Und, habt ihr euch gefragt, wann es endlich mal wieder ein Brotbild gibt? Diese Frage beantworte ich euch noch: Jetzt.

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Herr Zeilenende Sr. hat sich mal wieder Paderborner gewünscht, das seht ihr links. Ich wollte eigentlich ein Malzbrot backen und hatte extra Oettinger Malzbier gekauft. Davon abgesehen, dass Oettinger einen Ruf hat, den es geschmacklich nicht verdient, ist Oettinger Malzbier toll, weil es wie ein Bier schmeckt und nicht so widerlich pappig-süß wie Vitamalz oder Karamalz und nicht so widerwärtig im Geschmack wie Golden Malz. Dann bereitete ich den Teig vor, warf Dinkelmehl und Dinkelvollkornmehl mit Sonnenblumenkernen und Mandelstiften zusammen, knetete, legte den Teig zur Gare in sein Körbchen und erinnerte mich daran, dass ich doch ein Malzbrot backen wollte. Dann halt nächste Woche … Ich habe mich übrigens auch an die Kühlschrankgare getraut und das Brot 24h gehen lassen. Ich bin etwas zwiegespalten. Es geht genau so gut wie meine bisherigen konventionellen Brote, es behält beim Backen besser die Form und läuft nicht so breit, allerdings ist mir der Sauerteig-Geschmack nicht ausgeprägt genug. Wenn ich mal wieder ein bisschen Muße zum Experimentieren habe, werde ich es eher mal mit kürzerer Gare (1-2 statt 3-4h) versuchen.

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6 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Ihre liebsten Romanhelden?

  1. Zu meinen liebsten Romanfiguren gehört eindeutig Kvothe, der Protagonist der (noch nicht vollendeten) Königsmörder-Trilogie von Patrick Rothfuss. Gerade weil er so viele charakterliche Unebenheiten besitzt, unvorhersehbare Entscheidungen trifft (meist aus Mangel an Erfahrung) und überhaupt so menschlich rüberkommt, kann ich gut mit ihm fühlen. Der dritte Band ist absolut überfällig.

    In Isabel Allendes bezaubernden Roman „Zorro“ gibt es einen ganz kleinen und eher unwichtigen, dafür aber schlicht perfekt dargestellten Nebencharakter: das Kindermädchen Nuria. Da sich diese Gestalt im Verlauf des episch angelegten Abenteuers auf die sympathischste Weise entwickelt, haben wir sogar unsere Jüngste danach benannt (es gab auch noch andere Gründe für diesen Namen).

    Pendergast ist ebenfalls faszinierend, jedoch etwas zu abgedreht. Er hat mittlerweile eher den Status eines Ausstellungsstücks aus einem Kuriositätenkabinett (wie passend).

    Obwohl ich bisher nur den ersten Band gelesen habe, kann ich behaupten, Lincoln Rhyme, den scharfsinnigen Profiler aus Jeffery Deavers Feder sehr faszinierend zu finden.

    Und dann — Last nur not least — ein ewig interessanter Charakter: Stu Redman, der heimliche Protagonist aus „The Stand — Das letzte Gefecht“, einem der unglaublich langen Stephen King-Schmöker. Er wird als einfacher Mann dargestellt, der sich in einer so absurd außergewöhnlichen Situation befindet, dass man ihm die Schwierigkeiten beim Fällen von Entscheidungen mit großer Tragweite jederzeit abkauft. Nach dem Ende des Buches hat ihn vermutlich jeder Leser so ins Herz geschlossen, dass man sich insgeheim immer wieder fragt, was wohl nach dem Ende der Geschichte aus ihn geworden ist. Mir ging es zumindest so.

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    1. Die Autokorrektur ist der natürliche Feind des Tippers, ich kenn das ja nur zu gut 🙂 Danke fürs Gedankenteilen, an Nuna kann ich mich auch dunkel erinnern, Allendes Zorro ist ohnehin ein mit herrlichen Charakteren möblierter Roman. Und so treffend und passend hat meiner Meinung nach noch niemand Pendergast beschrieben. Chapeau! Deshalb habe ich ihn hier auch nicht erwähnt, mein Lieblingscharakter aus den Romanen ist ohnehin eher Bill Smithback. Danke für deinen Beitrag zu den Charakteren. 🙂

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