Rezension: Astrid Paprotta, Regina Schneider: Aldidente. 30 Tage preiswert schlemmen. Ein Discounter wird erforscht.

Bei knapp 120 Seiten kann man keine lange Rezension erwarten, die Qualität des zu besprechenden Werkes verlangt auch keine langen Elogen und ich stecke mittendrin im Projekt „Kants Kritiken zur Kühlung des Kopfes“. Denn auch wenn Marburg Zentrum des Neu-Kantianismus war und die Kantforschung dort immer noch einen Schwerpunkt hat, habe ich keines der drei Hauptwerke je insgesamt gelesen. Diesen Missstand gedenke ich zu beheben und nacheinander KrV, KpV und KdU durchzuarbeiten. Die übrige Lektüre schleppt sich deshalb so dahin, weil ich bekanntermaßen ungern parallel lese. Umso besser, dass das hier ein kurzer Verriss werden wird.

Inhalt laut Buchcover

Alte Frauen mit Haarnetzen, Muttis mit Kinderwagen, Couch-potatoes im Jogginganzug, Teenies in Turnschuhen, junge Frauen im Designer-Kostüm – ob schlichte Notwendigkeit oder neue Bescheidenheit: Pappe ist Pflicht, das Konzept ist Karton. Aldi bietet Einkaufserlebnis ganz eigener Art.
Einen Monat lang hat Astrid Paprotta in Deutschlands erfolgreichstem Lebensmittel-Discounter Feldforschung betrieben und berichtet hier vom Einkaufsabenteuer Aldi, von Kunden und Kassiererinnen, Marotten und Vorlieben, minutiösen Einkaufslisten und sagenhaften Hamsterkäufen, Super-, Sonder- und dauerhaften Angeboten.
Für den entscheidenden Mehrwert – denn was ist Aldi ohne Sonderposten – hat Regina Schneider vom Sparbrötchen bis zum Lachs-Geldbeutel Rezepte zusammengestellt, die (nahezu) ausschließlich mit Aldi-Produkten nachgekocht werden können.

Antiquierte Inhalte

Das Büchlein ist 1996 erschienen und damit beinahe 20 Jahre alt. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, dass ALDI damals noch so ungewöhnlich war, wie die Autorin schildert, dass sich mancher geniert, zu ALDI zu gehen, aber das mag daran liegen, dass es in meinem Heimatort damals nur den ALDI als Nahversorger gab. Auch hat sich ALDI gewandelt und führt mittlerweile Markenprodukte, macht sich Gedanken über Produktpräsentation, etc. Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass ALDI auch 1996 keine neues Phänomen, sondern ziemlich erfolgreicher Player im Einzelhandel war. So reißerisch man uns einreden möchte, hier werde ein unbekannter Eingeborenenstamm erforscht, so unplausibel ist diese Herangehensweise.

Der Ton macht die Musik

Ihr denkt, der Rückentext sei marktschreierisch und will das Buch nur anpreisen? Im Buch selber gehe es seriös zu, wie das Wörtchen „Feldforschung“ suggeriert? Irrtum, meine Freunde. Das ganze Textchen bedient sich dieses penetrant heiteren Tons, der sich über all die merkwürdigen Menschen, die ihre Lebensmittel im Discounter kaufen, über Gebühr lustig macht. Es beschleicht einen beim Lesen das Gefühl, aus dem Munde der Autorin spricht die Arroganz des Käfer-Stammkunden, der selbstverständlich alles vorher probieren möchte und dem Marke wichtiger als Qualität ist – auch wenn Paprotta ihre Beobachteten immer wieder beteuern lässt, dass die Qualität unglaublicherweise doch stimme. Das unglaublicherweise ist der verräterische Schlüssel. Ich kann es auch kaum Glauben, wie krampfhaft jemand an seinem Denken „Qualität hat ihren Preis“ festhält, wenn es um Bohnen aus der Dose oder Toilettenpapier geht. Der Humor schlägt damit um: Er ist nicht liebenswerte Verschrobenheit des ALDI-Kunden, er ist dessen Verhöhnung.

ALDI-Kochbuch?

Die Idee des discounterfreundlichen Rezepts hat ihren Reiz, gerade wenn man sich das eingeschränktere Sortiment ALDIs von vor 20 Jahren vor Augen führt. Man erwartet alltagstaugliche Rezepte, deren wesentliche Zutaten man bei ALDI finden kann. Doch der Anspruch wird leider viel zu oft nicht eingelöst. Wie kann man ernsthaft Champignon-Risotto mit Spargel (oder Chicken Wings) vorschlagen während die Hauptzutat, Risotto-Reis (Hähnchenflügel), bei ALDI nicht zum Sortiment gehört? Notfalls kann man für Risotto Milchreis nehmen, das weiß ich auch, aber auch diesen Hinweis spart man sich.
Kleinigkeiten wie Harissa, Chilipulver, Muskatnuss, frischer Pfeffer, Petersilie etc. kann man ja durchaus, weil man es nur in kleinen Mengen benötigt, als „nicht bei ALDI erhältlich“ aufführen (auch wenn man einiges davon mittlerweile bekommt), aber wenn die Gewürze der Witz bspw. am Chili con Carne sind, frage ich mich, wieso das Rezept drin ist bzw. sich niemand Gedanken darüber gemacht hat, wie man ein Chili ALDI-tauglich kochen kann. Denn in beinahe jedem Rezept findet sich solch ein Sonderpöstchen.

Fazit

Ohnehin antiquiert, sind die Rezepte so lieblos zusammengestellt, dass sich das Büchlein weder für nostalgische Zwecke noch als Kochbuch eignet. Ich habe es auch nur mit einem Konvolut Kochbücher geschenkt bekommen und werde es der lokalen Abfallverwertung spenden.

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s