Rezension: Verena Rossbacher – Schwätzen und Schlachten

Ich habe überlegt, ob ich den heutigen Beitrag tatsächlich als Rezension titulieren soll oder ob „Buchbesprechung“, „Lese-Eindruck“ oder auch „heillose Verwirrung“ nicht ein geeigneterer Titel wäre. Das Bild spricht sicherlich Bände, denn das Zeilenendesche Gesetz kennt einen Sonderfall: Stecken in einem Buch keine Zettelchen, obwohl es gelesen wurde, weiß Zeilenende nicht so recht, was er mit dem Buch anfangen soll.

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Dementsprechend bin ich mir auch über die Struktur dieses Beitrags nicht wirklich schlüssig. Die Rezension spiegelt formal das Lese-Erlebnis, habe ich einmal gesagt. Zentrales Motiv des Buch ist ein aperiodisches Muster, das zwar gewissen Regeln folgt, aber sich weigert, in die Unendlichkeit gedacht, verschoben werden zu können. Es wiederholt sich nie. Ihr meint, das klingt kompliziert? Ich muss gestehen, es auch nur so halb verstanden zu haben und das trotz drei Semestern Mathematik und vielen Semestern Philosophie in den Knochen. Theoretisch ist mir das Konzept klar, praktisch entzieht es sich meiner Vorstellungskraft. Beginnen wir einfach traditionell. Worum geht es?

Inhalt laut Verlags-Seite

Ihr Debüt war ein Paukenschlag: Verlangen nach Drachen hob sich »als buntschillernder Exot aus dem Grau deutschsprachiger Erstlinge hervor« (SZ) – dank glänzender Adaption des altwienerischen Tons, skurriler Figuren, hanebüchener Handlung und derb-komischer Sprache. Schwätzen und Schlachten treibt das alles auf die Spitze.
Diesmal also Berlin, diesmal drei junge Helden, ein Mordfall und ein Versagen auf ganzer Linie. Dazu eine Erzählerin, die Teil des Geschehens ist und sich nach Kräften bemüht, den Überblick zu behalten, ein Kaffeehaus im Prenzlauer Berg, in dem in einem fort geredet wird, während Mehlspeisen verzehrt werden, ein Hausmusiktrio, jede Menge Ungereimtheiten und ein Muster aus Raute, Fliege, Sechseck, Fünfeck, Zehneck, das den Schlüssel zu allem bilden könnte, wenn …
Ja, wenn Stanjic, der Österreichflüchtling, Glaser, der Mann aus den neuen Medien, und von Sydow, der sich nach den Frauen verzehrt, ohne je eine zu bekommen, sich nur ein bisschen besser als Detektive eigneten – und eins und eins zusammengezählt hätten.
Verena Roßbacher erschafft einen ganz eigenen Kosmos, in dem ihre monomanischen Figuren darum ringen, ihre Sicht der Dinge mit der allgemeinen Verfasstheit der Welt zusammenzubringen. Voller Komik, Skurrilität und Lust an der zielführenden Abschweifung wird hier erzählt, und etwas Großes entsteht: der Diskurs- und Gesellschaftsroman unserer Zeit! Ein Lesevergnügen, das dem Leser die Augen öffnet und übergehen lässt.

Eindrücke

So weit, so gut, aber was soll ich nun sagen? Der Werbetext ist auch nicht hilfreich. Komik und Skurillität hat das Buch, es schweift ständig ab, aber ob die Abschweifung zielführend ist? Ich schweife gern ab, wie ihr gelegentlich leidvoll erfahren dürft, aber ich setze das, sobald ich es merke, durchaus zur Unterhaltung ein. Ich erzähle auch keinen Roman, ich beschränke mich auf das Episodenhafte, da kann ich mir das erlauben, am Ende nicht dort anzukommen wo ich Currywurst. Der vorliegende Roman zeichnet sich aber dadurch aus, dass es in der Tat eine Handlung gibt, aber die eigentliche Handlung läuft jenseits der Erzählung ab, sie verbirgt sich hinter dem Geschriebenen. Damit meine ich nicht, dass es um psychische Einsichten geht, die den Leser befallen könnten oder irgendein Kopfkino, das der Roman einschaltet, sondern ich meine es wörtlich. Erst am Ende klärt sich alles auf und die Frage erhellt sich, warum man all das lesen solle. Etwas ist geschehen und der Roman nimmt die Position des Beobachters einer Katastrophe ein, auch wenn die Erzählerin vorgibt zu rekonstruieren. Und wenn euch das verwirren sollte: Genau so treibt es die Erzählerin mit dem Leser auch.
Wie meine ich das? Wenn beispielsweise ein Flugzeug abstürzt, verfolgen wir in der Berichterstattung, was passiert. Nebenbei arbeiten Experten an der Auswertung von Flugschreibern, der Analyse des Funkverkehrs, etc. Am Ende präsentieren sie uns die Rekonstruktion der Ereignisse, die wir verfolgt haben und im Nachhinein werden sie uns schlüssig. Unsere eigene Rekonstruktion der Ereignisse setzt ein, wenn die Rekonstruktion abgeschlossen ist. Aber von der Arbeit im Hintergrund bekommen wir nichts mit. So ergeht es auch dem Leser, bloß dass er zudem nichts von den Ereignissen weiß, die sich zugetragen haben oder besser: haben werden. Das lässt den Leser über viele hundert Seiten auf grausame Art und Weise in der Schwebe und am Rande der Verzweiflung.
Das ist mühselig. Ich war von der ersten Seite an gebannt vom Ton, den die Erzählerin anschlägt und fand die verschiedenen Protagonisten ausnehmend sympathisch. Vielleicht liegt es an der Ähnlichkeit. Stanjic und co sind nur unwesentlich älter als ich, hängen beruflich wie privat in der Luft und leben irgendwie, leicht bohemien (ist das so richtig? … Das sagt doch kein Mensch mehr. Pardon, der Nachsatz ist ein Running Gag aus dem Buch) in den Tag hinein. Zumindest Stanjic und Sydow, auf denen der Fokus liegt. Das lässt über die manchmal doch krass übertriebene Fabulierlust der beiden hinwegsehen, aber bei aller Lust an der Abschweifung, gelegentlich übertreibt Rossbacher es dann doch.
Die Abschweifungen und die Geschichte auf der Hinterbühne sorgen dafür, dass die Handlung auf der Vorderbühne nur sehr schleppend voran kommt. Rossbacher lockert es auf, indem sie ihre Erzählerin mit ihrem Lektor debattieren und dessen Kommentare, Kritik und Wünsche gelegentlich sogleich in den Roman einfließen lässt, bricht damit aber ihren Anspruch, dass sie nur einen Bericht gibt. Noch mehr Verwirrung für den Leser. Dennoch ist dieser Kniff immer wieder amüsant zu lesen, vor Allem hilft es, das fehlende Erzähltempo zu verschmerzen. Es ist ein Pflaster. Eines mit Dinos drauf. Mit Dinos? In meiner Kindheit gab es Pflaster mit Bildchen, damit die Kinder was zum Freuen haben. Wahlweise Dinos oder Prinzessinnen. Für Prinzessinnen war ich nicht mutig genug, auch wenn ich Dinos schon immer doof fand. Aber es gab nichts mit Robotern, damals. Deshalb mit Dinos.Vielleicht ist die Erzählerin ja auch ein Dino, ein Stegosaurus vielleicht.
Ich tue es einmal mehr. Was ich meine ist: Es macht Vergnügen, das Buch zu lesen, auch wenn es beschwerlich ist. Man ist nach 30 Minuten, für die man eine ganze Weile braucht, erschlagen und eine leise Stimme sagt: Leg es doch weg. Diese leise Stimme war bei mir die Blechliesel im Zug, die „Nächster Halt: Zeilenendes Arbeitsplatz“ oder in die Gegenrichtung „Heimat“ sagte. Ich vermute – und hoffe, dass meine bisherige Schilderung des Buches es deutlich gemacht haben – dass ich auch deshalb mit dem Buch nichts so recht anfangen konnte und nie wusste, was ich notieren sollte zu den einzelnen Begebenheiten. Völlig anders wurde es, als ich die letzten ca. 250 Seiten angegangen bin. Die habe ich an zwei Nachmittagen durchgeackert. Und die Geschichte konnte ihren Sog entwickeln … Oder sie wurde besser. Ich kann es nicht genau sagen. Ich wollte jedenfalls lieber noch einen Absatz lesen als etwas zu notieren. Das Ende vom Lied ist ein Buch ohne Post-its und ein Zeilenende mit fiesem Sonnenbrand auf den bislang schneeweißen Oberarmen. In Zukunft trage ich auch in meiner Freizeit Hemden.

Statt eines Fazits…

…sage ich über das Buch, dass es mich, als ich es durchgelesen hatte, nachträglich unheimlich erheitert hat und ich es wohl in einiger Zeit nochmals lesen werde. Aber ich kann nicht guten Gewissens sagen, dass es ein gutes Buch ist, obwohl es mir gefallen hat. Das ist für mich die entscheidende Kategorie, um ein Buch zu empfehlen oder zu verdammen. Dementsprechend kann ich keine Empfehlung aussprechen, nicht einmaldem potentiellen Leser, der genügend Zeit mitbringt, das Buch in ein paar Tagen durchzuarbeiten. Mich hat das Buch wegen einer euphorischen Besprechung in der ZEIT angegrinst. Vielleicht ist es das Beste, mal in den Buchladen zu schlappen, mittendrin das Buch aufzuklappen und hinein zu… lesen. Wer sich in den Ton verliebt und von der Verkäuferin (meine Buchhändlerin ist eben eine Frau …) angeraunzt wird „Wir sind keine Bibliothek!“ folge einem der beiden implizierten Vorschläge: Buch kaufen oder in der Bibliothek entleihen.

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