Sturmfrei mit reduzierter Brotmenge

Die Altforderen haben es geschafft. Der Wohnwagen ist verschwunden und sie haben ihre Reise an die Ostsee angetreten. Zwei Wochen und ein paar Tage sind die Gebrüder Zeilenende dem Zustand der Verwahrlosung überlassen. Mutter Zeilenende wird nicht bügeln, Herr Zeilenende Sr. wird keine überflüssige Zusatzarbeit produzieren und der jüngste der Zeilenendebrüder (den kennt ihr noch nicht näher, nennen wir ihn Nesthäkchen im Unterschied zu Bruderherz, den ihr besser kennt) muss jetzt auch verköstigt werden.

Camping

Ich hasse Camping und fahre seit meinem 16. Lebensjahr nicht mehr mit in den Familien-Urlaub. Dementsprechend hatte ich damals das Haus für mich allein. Später haben dann auch meine Brüder beschlossen, nicht mehr mitzufahren. Uns einte die Abscheu, zwei Wochen lang auf dem Campingplatz herumzugammeln. Bruderherz campt zwar gelegentlich auf Festivals, findet wegfahren ohne konkreten Zweck aber öde, Nesthäkchen kann ohne seine elektronische Ausstattung maximal 48h überleben und ich störe mich an den Unannehmlichkeiten des Campings (Hygiene, Luftmatratze, matschige Wiesen, Plastikstühle) wie an den Reisezielen. Ich weigere mich, bloß in Badehose in der Gegend herumzulaufen und ich brauche im Urlaub Abwechslung. Landschaft habe ich daheim auch und ist genau so ein Nörgelgrund wie Wetter, ich brauche Action und Kultur: Museen, alte Gemäuer, pulsierendes Leben – und ein reichhaltiges Frühstücksbuffet. Wenn ich schon wegfahre, will ich dem Alltag enthoben sein.

Erster Tag

Entsprechend entspannend war unser erster Tag. Ich hatte zum ersten Mal seit Wochen das Erdgeschoss für mich allein. Ich habe es mir schön gemacht, das herumliegende Zeug diverser Familienmitglieder eingesammelt, einem Bild der Eltern, das seit Wochen verschämt in einer Ecke steht, einen besseren Platz gesucht, die komplette Zeitung endlich einmal an einem einzigen Tag durchgelesen, nebenbei noch Downton Abbey geschaut und ein Kapitel in meinem aktuellen Roman gelesen. Ich bin also derzeit tiefenentspannt. Am Wichtigsten aber: Ich mache es mir schön. Nicht nur, dass ich meinen Eltern einen schöneren Platz gesucht habe, vor Allem habe ich mir einen Blumenstrauß ins Haus geholt, ohne Rücksicht zu nehmen.
Mutter Zeilenende und ich erfreuen uns beide gleichermaßen an Blumensträußen. Wir kommen da auch ganz gut überein, ebenso wie bei der Bepflanzung der Blumenkästen vor der Haustür. Wir sparen nur – meistens – gewisse Blumen aus. Ich finde Tulpen in der Vase stinkelangweilig, wie ich Geranien im Blumenkasten verbscheue und Hornveilchen öde finde, also schleppt Mutter Zeilenende nur Tulpen an, wenn es alternativ allein rote Rosen gibt oder sie ein dringendes Tulpenbedürfnis hat. Mutter Zeilenende mag Gerbera nicht, die ich allerdings ausnehmend schön finde. „Friedhofsgestrüpp“ nennt Mutter Zeilenende sie, weil sie zumindest hierzulande gern in Vasen auf Gräbern stehen. Dementsprechend bringt sie nur Gerbera mit, um zu signalisieren: „Ich habe gemerkt, dass es dir momentan besonders mies geht und will dir was Gutes tun.“
Da sie ja nun in Urlaub ist, habe ich das genutzt und mir einen Urlaubsstrauß gebastelt … 🙂

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Aufgabenteilung

Wir sind ein eingespieltes Team. Wir teilen die Aufgaben ein, wie sie uns vors Auge kommen. Es wäre Zeit, das Bad zu putzen oder zu waschen also übernimmt einer von uns die Aufgabe. Mutter Zeilenende weigert sich, Tätigkeiten zu delegieren, sodass dies nur das Urlaubsmodell ist. Woher soll man wissen, dass es Wäsche gibt, wenn sie immer sofort alles einsammelt, in der Waschküche versteckt und keinen Ton sagt? Unter uns dreien klappt das ganz gut. Wir führen Listen für die Einkäufe und die anstehenden Haushaltstätigkeiten, als ich noch für alle gekocht habe, gab es zudem einen Wochenspeiseplan. Ansonsten nehmen wir Rücksicht auf Neigungen. Bruderherz macht am Liebsten draußen was, meine Domäne ist die Küche und Nesthäkchen hat eine gewisse Freude am Putzen, weil er da mit Chemie spielen darf. Und so zwei, drei Rituale haben wir auch. Bruderherz veranstaltet einen Weinabend mit Kumpels und nächste Woche gibt es Zeilenendes Urlaubs-Süßigkeiten-Pancakes mit Eis.
Auf Bruderherzens Weinabend freue ich mich besonders. Er erkennt nämlich meine Küchenkünste an, seitdem er selber kocht … und hat mich als Caterer engagiert mit weitestgehend freier Hand. Nur einen Kartoffelsalat hätte er gern. Aber ich dürfe die Sauce selber machen, solange ich Mayo nehme – und die nicht selber mache. Da ist er etwas bang, auch wenn ich meistens vegane Mayo mache. Den zweiten Salat hat er mir freigestellt, hat angefragt, ob ich nicht diverse Buttervariationen machen könne (er spekuliert bestimmt auf die Tomatenbutter, natürlich tue ich dem Gefallen) und hat sogar gefragt, ob ich ein Brot – und ob ich einen Kuchen backen wolle, den man dann als Nachtisch verwenden könne. Es sei denn, ich hätte eine gute Nachtischidee, er wolle sich da gar nicht einmischen. Bei so viel Fürsorge und Rücksichtnahme war ich doch tatsächlich sprachlos.

Das Übliche zum Schluss

Natürlich habe ich jetzt auch weniger Abnehmer für mein Brot, weil zwei von vier Essern fehlen. Nesthäkchen frühstückt meistens nämlich Müsli oder Toast. Aber das ist kein Grund, das Brotbacken gänzlich einzustellen, die Brote nur etwas schrumpfen zu lassen. Deshalb gibt es heute halbwüchsige Brote zu bestaunen, die erstaunlich locker geworden sind: Links ein Roggenvollkorn-Mehrkornbrot und rechts ein Dinkel-Weizen-Leinsamen-Mischbrot mit den restlichen Leinsamen aus der Vorratskammer.

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10 Kommentare zu „Sturmfrei mit reduzierter Brotmenge

  1. Euere Familie gefällt mir. Deine liebevolle Beschreibung zeugt von Zusammenhalt und gegenseitiger Rücksichtnahme, zwei andere Wörter für Liebe.
    Geranien in Töpfen und Tulpen in Vasen sind auch mir grauselig. Allerdi.GSM mag ich auch keine Gerbera pardon.
    Ein schöner Post, der mir beim lesen große Freude gemacht hat.

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    1. Dnke für das Lob. Manchmal mag ich sie auch. Nur dass ich jetzt bügeln muss, passt mir ja üüüberhupt nicht in den Kram. Deshalb schreibe ich lieber noch einen Kommentr hier, obwohl das Eisen schon heiß ist. 😁

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      1. Dann viel Vergnügen. 😉 Ich bin jetzt durch, werde für die Bande kochen … Und gräme mich ein wenig, dass ich auf dem Smartphone noch mieser tippe als auf dem Tablet und an beiden Geräten trotz kurzen Checks des Geschriebenen haufenweise Tippfehler übersehe. Ich bitte einmal mehr um Pardon bei euch allen. Ich hoffe, das legt sich irgendwann.

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