Rezension: Sue Townsend – Die Tagebücher des Adrian Mole. Die schweren Jahre nach 39

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Geehrte*r Leser*in,

Ist es das Ausschlachten eines einmaligen genialen Wurfs durch immer neue Fortsetzungen? Ist Adrian Mole also sowas ähnlich wie Star Wars oder ist Sue Townsends Romanheld eine fiktive Langzeitstudie, die literarische Konstruktion eines ganzen Lebens und damit monumental, ein Klassiker im Werden? Ich bin mir nicht ganz sicher, in jedem Fall ist er ein Stück Reflexion auf die Zeitgeschichte und vor Allem auch im derzeit letzten, insgesamt achten Band, wehmütig und irrsinig komisch zugleich.

Inhalt laut Buchcover

Adrian Mole ist inzwischen 39 und es geht ihm so schlecht wie immer. Er wohnt total abgebrannt in einem umgebauten Schweinestall, niemand interessiert sich für seine literarischen Ergüsse und seine Frau bandelt mit einem wohlhabenden Schnösel an. Dann erhält er eine wahrhaft erschütternde Diagnose: Prostatakrebs. Doch Adrian lässt sich nicht unterkriegen, sondern begegnet allen Schicksalsschlägen mit seinem typisch schrulligen Humor.

Adrian

Der Protagonist ist, machen wir uns nichts vor, eine grauenvolle Nervensäge. Adrian Mole ist ein weltfremder Pedant, der von neuesten Trends nichts mitbekommt, sein Leben nicht ordnen kann, wegen seiner Steuererklärung an den Schatzkanzler schreibt, den lokalen Landadeligen auch im Tagebuch immer bei seinem vollen Namen nennt und einzeilige Briefe in vollendeter Form mit banalen Nachfragen an ihm gänzlich unbekannte Personen richtet. Aber dennoch ist er nie nervtötend und auch nie übermäßig bemitleidenswert. Sue Townsend gelingt es, den wohlbekannten Chrakter konsequent so zu schildern, dass er den Leser zwar anstrengt, aber nie als anstrengend empfindet. Das ist, da man den guten Adrian als geneigter Leser schon eine ganze Weile und ziemlich gut kennt, wahrlich eine Leistung. Auch in der siebten Fortsetzung des Tagebuchs von Adrian Mole ist der Namensgeber nicht zum Stereotyp seiner selbst verkommen, auch wenn er vorwiegend in seiner eigenen Vergangenheit lebt und vieles bedauert. Er ist weiterhin, so merkwürdig das im Falle einer Figur klingt, weiterhin ganz Mensch. Und das, obwohl es zahlreiche Running Gags gibt, die sich bis ins erste Buch zurückverfolgen lassen (norwegische Lederindustrie!)

Die Prostata

Ich bin, was medizinische Themen angeht, sehr empfindlich und bilde schnell eingebildete Symptome aus, wenn es in der Literatur oder im Fernsehen um Krankheit geht. Deshalb google ich meine Wehwehchen auch nicht mehr. Danach stehe ich kurz vorm Exitus. Dementsprechend gelitten habe ich bei der Lektüre dieses Buches, weil ein zentrales Thema Adrians Prostatakrebs ist. Dennoch war es spannend, diese Geschichte zu lesen, weil Sue Townsend den Krebs geschickt in den Tagebuchstil ihres Romans einflicht und Adrians Lebensweise anschaulich herauspräpariert. Wann immer eine Bestrahlung ansteht, notiert er dies in seinem Tagebuch, aber er steigert sich. Steht Anfangs nur das eine Wort da, erzählt er mit der Zeit von seinen Krankenhauserlebnissen und bindet die Krankheit dann auch wieder in seinen Alltag ein. Ohne es explizit zu machen, zeigt Townsend damit, wie Adrian auf Routinen angewiesen ist und sie in seinen Alltag integrieren muss. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie man mit solch einer Krankheit umgehen soll: Nicht hadern, nicht verzweifeln, sondern sich seinen Alltag zurückerobern, die Behandlung als Teil des Lebens verstehen, denn darum geht es: Das eigene Leben ist der Mittelpunkt des eigenen Lebens, nicht die Krankheit oder die Behandlung, die ist nur ein Teil des Lebens.

Wirtschaftswandel

Sue Townsend erzählt in ihrem Buch viele Geschichten: Vaterschaftsfragen, Vatersorgen, Afghanistan, beinahe gescheiterte Ehen, Regierungswechsel, aber am Spannendsten ist es, wenn sie vom Wirtschaftswandel erzählt. Einerseits ist da Adrians Halbbruder, der wegen der Bankenkrise seine Existenz verliert und es nicht einsehen will, dass sein Spekulantentum ihn selbst in den Abgrund gestürzt hat und ein herrlicher Charakter ist, andererseits ist da der Untergang des Buchhandels. Adrian arbeitet in einem Antiquariat, das schließen muss. Für die Mitarbeiter steht das gute Buch und die Beratung, die besser ist als jeder Algorithmus, im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Dennoch müssen sie schließen, in den Abgrund gerissen durch Amazon und co – und weil sie es nicht gelernt haben, ihre Stärken entsprechend zu vermarkten. Erst als es zu spät ist, versuchen sie das eine oder andere, aber das bringt natürlich nichts mehr, weil es eben zu spät ist und die Zahlen zu schlecht sind. Somit kritisiert Townsend nicht bloß unsere geänderten Konsumgewohnheiten, wie das Zeitungsfeuilleton es gern tut, sondern verweist darauf, dass auch Anbieter ihre Stärken am Markt heutzutage besser zur Geltung bringen müssen, ist in ihrer Analyse des Wirtschaftswandels also ausgewogen. Gleichzeitig beobachtet Townsend nur, sie klagt nicht an. Man liest die Antiquariatspassagen nicht wütend, nicht ratlos, sondern so wie es ist, halb nüchtern, halb traurig. Die Schlüsse sind dem Leser überlassen. Ein für mich ungewohntes Leseerlebnis, wird der Tod eines Buchladens in der Literatur doch häufig zu einem Schwanengesang auf den Untergang des Abendlandes, mit einem deutlich erkennbar moralkeulenschwingenden Autor.

Fazit

Mit acht Post-its auf knapp 400 Seiten hat sich das Buch wenig Kommentare eingehandelt, die zudem durchweg positiv sind. Gemäß Zeilenendes Gesetz der geringen Notate ist es damit ein gutes Buch. Wer es lesen möchte, muss nicht einmal unbedingt die Vorgängerbände kennen, muss sich aber darauf gefasst machen, dass es bei Townsend sehr, sehr, sehr schrullig zugeht und dass er viele Anspielungen wahlweise gar nicht bemerkt oder gewissen Aussagen ratlos gegenüber steht. Da diese wichtiger Teil des Lesevergnügens sind, rate ich dringend dazu, alle Bücher zu kaufen und zu lesen. Wer die übrigen Bücher kennt und sich fragt, ob es wirklich einen weiteren Adrian-Mole-Roman braucht, dem kann ich „Die schweren Jahre nach 39“ nur ans Herz legen. Es lohnt sich. Wirklich. Wie jeder Roman der Reihe.

Herzlichst und mit großer Gewogenheit,
Zeilenende.

P.S.: Es gibt kein Bild, weil ich die Post-its voreiligerweise abgepflückt habe.

P. P. S.: Sind wir nicht alle ein wenig Adrian?

P.P.P.S.: Also gut, ich mache zumindest ein Photo von den Post-its.

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Ein Kommentar zu „Rezension: Sue Townsend – Die Tagebücher des Adrian Mole. Die schweren Jahre nach 39

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