Drei Stunden machen glücklich

Es ist so weit, wie hat es mir gefehlt. Ich darf endlich wieder hinter der Verleihtheke stehen.

Die Arbeit im Seniorenzentrum gehört der Vergangenheit an. Monetär und in Bezug auf die Lebenserfahrung hat sie sich gelohnt, Aber die Entscheidung, die alten Leute zu verlassen, war die einzig richtige. Die Kolleginnen und Kollegen wie auch die Bewohnerinnen und Bewohner mögen traurig darüber sein, aber ich gehe zufrieden: Zufrieden über Geleistetes und zufrieden mit mir selbst, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch davon erzähle ich ein andermal. Ich habe in letzter Zeit so viele Abschiede hinter mich gebracht, dass  ich jetzt erst einmal nach vorn blicken möchte… Hier ist das Seniorenzentrum noch nicht passé, ich muss noch ein wenig Nachlese betreiben.

Kundenkontakte

Ich arbeite nicht exklusiv für die Bibliothek, aber nur noch im bibliothekarischen Umfeld. Das hieß bislang, dass ich am pädagogischen Angebot mitgewirkt habe und dass ich bestimmte Kundenkreise, nämlich die Bewohnerinnen und Bewohner „meines“ Hauses betreut habe. Beides betreibe ich weiter, doch mir hat etwas gefehlt. Die Betreuung meiner Altchen bestand zwar in der Auswahl von Literatur, Beratung, Ausleihe und Rückgabe, aber doch anders als im Thekendienst. Heute war ich zur Auffrischung endlich einmal wieder mittendrin im Geschehen.
Die Kolleginnen stöhnen manchmal darüber, wenn die Kundschaft schubweise kommt und ständig besonders komplizierte Fragen oder Wünsche hat. Klar, ist anstrengend und dennoch tun sie es gern. Heute war so ein Tag. Und ich war zum ersten Mal seit Jahren wieder mittendrin, eigentlich nur zum Zugucken. Aber die Abläufe waren mir vertraut, steckten immer noch in jeder Faser meines Körpers. Also war ich dabei und habe zumindest die Standarddinge erledigt: Auskünfte erteilen, die Technik erklären, Recherchen durchführen, Medien sortieren. Und ich habe es geliebt.
Ich werde erst richtig munter, wenn es hektisch wird. Es gibt einen gewissen Level an anstehenden Arbeiten, der mich aus der Lethargie des Alltags weckt, ohne mich zu überfordern und in Stress umzuschlagen. Ich liebe diesen Zustand des Arbeitsflusses und er stellte sich ein. Kinderbuch aus den 70ern? Mal in der ZVAB nachschauen. Der Kassenautomat? Das ist so und so. Sozialgesetzbuch? Irgendwo unter F, Augenblick, ich zeige es Ihnen. Die Vielfalt der Anfragen, jeder Kunde, selbst wenn man ihn kennt, eine Überraschung … Nichts ist abwechslungsreicher als ein Bibliotheksthekendienst.

Was fehlt

Eigentlich bin ich momentan wunschlos glücklich, weil die Thekendienste in meinem Praktikum maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ich mich entschieden habe, mich beruflich umzuorientieren. Und das bevor ich einen Beruf hatte. Sowas können auch nur Lehramtsstudent*innen sagen. Jeden Tag drei Stunden Ausleihe, Rückgabe, Auskunft. Das mag dröge klingen und ist es manchmal auch, aber ich habe es geliebt.
Ich habe auch das morgenliche Einstellen der Medien geliebt. Es hat dem Tag Struktur gegeben, in einem doppelten Sinn. Jacke aufhängen, Kaffeetasse schnappen, Bücher sortieren und in die Regale befördern. Das war der Beginn des Arbeitstages. Und dabei habe ich den Büchern Struktur gegeben, die sie auch meinem Tag gegeben haben. Jedes Buch an seinen Platz. Ich liebe es, die Systematik wiederherzustellen. Schon irgendwie albern, aber wenn ich Stress habe, sortiere ich auch mein Bücherregal daheim um.
Mir fehlt sicher noch mehr. Bücher katalogisieren, einarbeiten, Stiftungen prüfen, Bestandspflege betreiben … Ich gerate gerade ins Schwärmen. Das ist eine gute Gelegenheit um abzubrechen. Eigentlich wollte ich nur eines sagen: Manchmal können drei Stunden Arbeit glücklicher machen als das ganze vergangene Jahr. Jetzt muss nur noch der Annahmebescheid von der HU kommen.

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