Leere, Nähe & Distanz und widerspenstige Mehle

Ich habe zunächst überlegt, den heutigen Beitrag auch mit „Geschafft!“ zu übertiteln und zu feiern, dass ich meinen letzten Arbeitstag hinter mich gebracht habe. Aber der Abschied aus dem Seniorenzentrum ist noch zu frisch, um in Worte fassen zu können, was am letzten Tag so alles passiert ist. Außerdem kann ich, um euch liebe Leser*innen nicht völlig zu verwirren, wohl kaum komplett mit der Chronologie brechen. Zumindest die letzte Haushaltsrunde hat noch ihren eigenen Beitrag verdient. Also lieber ein Einblick in meine Befindlichkeiten und ein Geschimpfe auf das aktuelle Wetter.

Leere

Gestern war ein schlimmer Tag. Ich komme am Ende noch einmal darauf zurück, aber vor Allem war er schlimm, weil ich nichts mit mir anzufangen wusste. Ich hätte gern irgendetwas getan, etwas  Neues angefangen oder etwas Geliebtes fortgeführt, aber ich konnte nicht. Mir fehlten die Ideen, was ich gern machen würde und wenn ich mich zu etwas aufraffen wollte – lesen, schreiben, spielen – fehlte mir die Kraft. Die letzten Wochen haben mich ausgelaugt. Ich brauche wohl ein paar Tage, um wieder in die Spur zu kommen. Und der Sekt am Abend war auch nicht die beste Idee. Oder der zweite Sekt.
Das führte zu schlechter Laune. Der Rest meiner Sippschaft hatte dafür kein Verständnis. Statt mich in Ruhe zu lassen, sprang jeder einzelne von ihnen um mich herum. Saß ich im stillen Winkel und las Zeitung, kam Bruderherz und guckte lautstark Videos auf dem Smartphone. Bereitete ich gerade das Abendessen vor, kam Mutter Zeilenende und stellte ihrerseits Lebensmittel genau dorthin, wo ich den geschälten Spargel hingelegt hatte. Ich war nur kurz in der Vorratskammer neben der Küche, um Alufolie zu holen. Es war ersichtlich, dass ich noch nicht fertig war. Dass ich ungehalten über Gläser, Kartonage, etc. an meinem Küchenarbeitsplatz war, obwohl noch viel freie Fläche drumherum war, konnte sie nicht verstehen.
Es gab eine Zeit, in der man bei schlechter Laune sofort zur tiefenpsychologischen Reflexion des aktuellen Gemütszustandes aufgefordert wurde. Das war grässlich. Mittlerweile sind wir wohl so weit, dass schlechte Laune nur noch ein Missstand ist, den der Betroffene umgehend zu beseitigen hat. Gab es nicht einmal eine Zeit, in der man schlechte Laune nicht bloß haben durfte, sondern darauf Rücksicht genommen wurde, indem man erwarten konnte, gemieden zu werden?

Nähe und Distanz

Um einen klaren Kopf zu bekommen, brauche ich ein wenig Abstand von meiner nunmehr ehemaligen Arbeitstätte, physisch wie psychisch. Das teilte ich auch meiner Kollegin mit. Sie hatte dafür Verständnis … Und schickte mir seit Freitag Abend sechs oder sieben Kurznachrichten. Ich habe das Smartphone jetzt ausgeschaltet. Wenigstens zwei oder drei Tage Abstand, in denen ich nicht an all das erinnert werde, das ich hinter mir gelassen habe. Auch wenn ich es war, der gegangen ist, heißt das nicht, dass es mir nur leicht gefallen ist. Sie jammert JETZT schon herum, wie es nur ohne mich werden würde, obwohl sie noch keinen Tag ohne meine Arbeitskraft bewältigt hat. Ganz davon abgesehen, dass sie mich maßlos über- und sich selbst unterschätzt: Wie will sie ihre Arbeit machen, wenn sie mit der Einstellung herangeht, es ohnehin nicht zu schaffen?
Wenn ich am Montag das Gerät wieder aktiviere, werde ich mir wahrscheinlich Vorwürfe anhören dürfen, ich interessiere mich nicht mehr für sie, jetzt wo wir nicht mehr zusammenarbeiten. Sie will an meinem Alltag teilhaben, wissen wo ich bin, was ich tue, selbst wenn ich nur in der Ecke sitze. Sie schreibt mir, sobald ihr etwas in den Kopf kommt. Wenn wir uns unterhalten, schweige ich auf solche Kommentare, aber sie sieht, dass ich sie wahrgenommen habe. Per SMS erwartet sie eine Antwort. Manchmal denke ich, dass sie obsessiv ist oder ich ihr einen Bären als Gesprächspartner schenken sollte. Aber wenn ich ihr das sage, gibt es einen Tränenausbruch.
Deshalb gebe ich ihr auch nicht diese Blogadresse – vielleicht bin ich paranoid, aber ich fürchte, sie würde es zum Stalken benutzen. Ich habe gern Kontrolle über das, was andere von mir wissen und es gibt Grenzen dessen, was ich erzähle. Sie hingegen will alles wissen, damit sie verstehen kann und glaubt, irgendwo etwas finden zu können, wo sie helfen kann: Nicht aufgearbeitete Konflikte, Neurosen, bla bla bla. Und reiche ich ihr diese Hand statt des Fingers, den sie zu haben glaubt, würde ihr Zug nur noch stärker werden. Und ehrlich gesagt macht mir das Angst, so gern ich sie habe.

Widerspenstige Mehle

Das Wetter ist großer Mist und macht mir die Tage nicht erträglicher. Gestern war es so schwül, dass ich beim Gedanken ans Jäten schon erschöpft war, obwohl es bitter nötig wäre. Die Schnecken in den Erdbeeren machen nicht nur solera1847 Probleme, sie dezimieren – oder vielmehr halbieren – auch meine Ernte. Es ist so feucht, dass ich selbst mit viel  Schneckenkorn nicht alle Feinde beseitigt bekomme. Ein Teil der überlebenden Erdbeeren sind zur Krönung wegen des vielen Regens an der Pflanze gefault. Und die Dicken Bohnen haben Blattläuse. Bei dem Wetter kommen offenbar auch nicht genügend Marienkäfer auf einen Happen vorbei. Die Ernte kann ich wohl ganz vergessen, bei den Erdbeeren habe ich zumindest ein wenig Glück. nur die lange Zeit schwächelnden Paprika haben einen kleinen Wachstumsschub bekommen und erste kleine Früchte ausgebildet. Mikrig sind sie aber immer noch.
Insbesondere beim Brotbacken (Beim Kuchen auch, der Biskuit gestern, von dem ich kein Bild habe, ist auch ein gutes Stück in sich zusammengefallen. Er war nicht klätschig, aber auch nicht schön) ist das Wetter hinderlich. Die Sauerteige waren beide ziemlich triebschwach und die Brotlaibe hatten genau so wenig Spannung wie ihr Bäcker. Linkerhand ist ein Weizenbrot mit Buchweizen. Der Teig ist regelrecht geflossen, obwohl ich 550er Weizenmehl zugefügt habe und mit dem Handmixer nachgeholfen habe, um Spannung aufzubauen. Als ich das Brot dann aufs Blech stürzen wollte, blieb  auch noch die ganze Haut am Körbchen kleben. Deshalb sieht es obenrum auch so merkwürdig aus.
In der Mitte ist ein Maisbrot, das ich nach Rezept zubereitet habe. Laut Anleitung sollte man aus dem Teig einen kugelförmigen Laib formen können. Das gelang selbst nach weiteren 100g Weizenmehl Typ 550 und gründlichem Kneten nicht. Also musste ich es nach der Gare noch in eine Auflaufform füllen, um am Ende kein Fladenbrot zu bekommen. Entsprechend wenig knusprig ist es geworden.
Einzig das Vollkornbrot rechterhand genügt meinen mittlerweile geringen Ansprüchen. Es ist zwar auch zu breit gelaufen, aber der Teig war nicht allzu zickig. Er ist gut aufgegangen, enthält zu gleichen Teilen Roggen- und Weizenvollkornmehl sowie eine Fünfkornflockenmischung und wenn das Wetter besser gewesen wäre, hätte ich auch einen schönen hohen Laib Brot bekommen. Ich habe so das Gefühl, meine merkwürdige Stimmung wird durch das Drumherum nur verstärkt, das Wetter ist der eigentliche Übeltäter.

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6 Kommentare zu „Leere, Nähe & Distanz und widerspenstige Mehle

  1. Es gibt leider solche Wochen, in denen nichts, aber auch gar nichts so richtig gut funktionieren will. Und was macht man dann? Zähne zusammenbeißen, Augen zu und durch! Danach kommen wieder bessere Wochen, die sich vor allem deshalb besser anfühlen, weil dazwischen eben so viel Mist war. So lernt man es, die guten Zeiten als solche wahrzunehmen und zu schätzen. Kopf hoch, das wird wieder!

    Zu den Selbstschussanlagen: In Schneckengröße sind sie leider gerade nicht mehr auf Lager… 😉

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    1. Danke für die netten Worte. 🙂 Ich will eigentlich auch nicht ständig jammern, aber wenn ich mir überlege, worüber ich schreiben könnte, fällt mir derzeit nur ein, was Motzcharakter hat. Vielleicht sollte ich doch mal so ein Achtsamkeitstraining machen. Aber sich hin und wieder zünftig zu beschweren ist für meine Psychohygiene wesentlich besser. 😊

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  2. Ich maule nicht. Das ist doch unproduktiv. Ich stelle mich nur manchmal maulend, um maulende Kollegen auf Abstand zu halten. 🙂

    Die Kollegin würde ich auf gaaaanz weiten Abstand halten, die hat dich ja schon prima „im Griff“. Besorge dir eine andere Handy-Nummer. Schnell… :-))
    Und sobald es möglich ist: eine eigene Wohnung.

    Die hessische Küche war super: einmal habe ich gekocht und einmal gab es Salat mit Dönerfleisch vom Türken an der Ecke.

    Wir benötigen einen reinen Schimpf- und Befindlichkeiten-Thread. Da kann jeder einmal „waaaaah“ schreien und in einen imaginären Boxsack hauen und die Welt ist wieder in Ordnung 🙂

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    1. Vielleicht ein kooperatives Motz- und Meckerblog als Gegenpol zu den Das-Leben-ist-schön-Bloggern und in Abgrenzung zu den Depri-Blogs: Schreiben als Frustabbau statt bloßer Reproduktion des Elends. Sonst käme ich zu keinem Ende. 😊 Was die Nummer angeht: Habe ich drüber nachgedacht, aber ignorieren reicht meistens. Ich krieg die Nachrichten auch ohne Antwort. Ds ist ihre Form des Bloggings. Sie schreibt mir, ich schreib das immer mal wieder hier auf, hoffentlich zu eurer Unterhaltung, denn ich finde, das hat auch komische Aspekte.

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