Eurovision Song Contest Vienna 2015 – Der Review Teil 1

Während des ESC war ich zum Einen auf der Fedcon und zum Anderen zu angeheitert, um ihn live zu kommentieren. Ich habe ihn  zwar gesehen, aber erinnere mich nur noch an einzelne Fragmente von Auftritten. Damit ist die beste Zeit heraufgezogen, dieses musikalische Spektakel, dem ich mich jedes Jahr mit großer Leidenschaft widme, endlich mit der CD Revue passieren zu lassen, die schon eine ganze Weile hier rumliegt. Und damit sich das für mich auch lohnt, teilen wir es auf … Sind ja auch zwei CDs.

Albanien: I’m alive von Elhaida Dani

Sparsam mit Schlagwerk und Gitarre instrumentiert, dazu ein wenig was aus der Klangbüchse und viel Aiaiaiaiai. So kommt dieser Song daher. Ruhig und getragen, irgendwo ein Hintergrundchor, dann zum Refrain etwas Drama. Man hört die Windmaschine beinahe pusten und hat Sorge, dass sie das kleine Piepsstimmchen wegpustet. ESC-Durchschnittsware

Armenien: Face the shadow von Genealogy

Der Auftritt ist mir noch in Erinnerung. Es handelt sich hier um mehrere Sänger*innen armenischer Herkunft, die über alle Erdteile verstreut leben. Die Bühnenshow war cool, man hörte nur leider deutlich, dass sie Solokünstler waren, es bestand keinerlei Harmonie. Als Plattenaufnahme kommt der Song gut daher. Er ist wuchtig, mit einer guten Prise Pathos. Fehlender Livedruck führt dazu, dass die Sänger*innen ihr Stimmpotential voll ausschöpfen können. So kommt was Hörbares zustande, garniert mit der Botschaft, den Genozid an den Armeniern nicht zu vergessen.

Österreich: I am yours von The Makemakers

Es scheint eine Tradition zu sein, dass der Beitrag der Gastgeber Mist sein muss beim ESC. Mir fallen nur wenige Ausnahmen von dieser Regel ein. Klavier, ein Bass, Schlagwerk, ein Uhuhuh-säuselnder Background, ein falsettierender Frontmann im Refrain. Wenn ich mich nicht irre, brannte auf der Bühne sogar das Klavier. Das einzige, was bei mir brennt sind die Ohren für diesen schlechten Versuch einer Robbie-Williams-Balladen-Kopie.

Australien: Tonight again von Guy Sebastian

Endlich durften die Ausralier auch einmal mitmachen. Jahrelang waren sie Riesenfans und doch nur Zuschauer. Ich habe ihnen den Sieg ehrlich gewünscht und sie haben sich alle Mühe gegeben. Der Song macht gute Laune, setzt dafür auf eine Bläserkombo (ob da James Last als krönenden Abschlus seiner Karriere die Finger mit im Spiel hatte?) Do whatcha watcha want … Das Lied geht durch stampfende Rhythmen nicht nur ins Ohr, sondern auch in die Füße.

Aserbaidschan: Hour of the wolf von Elnur Huseynov

Die Stunde des Wolfes ist der Moment in der Nacht, wenn man wach liegt und die quälenden Gedanken an einem nagen. Das wissen wir spätestens seit Babylon 5, wo Commander Ivanova diese Legende einmal bemüht. Auch unser Sänger hat Schlafprobleme, aber statt eine Valium einzuwerfen, schreibt er lieber eine einschläfernde Ballade über seinen nächtlichen Harndrang. Oder so. Dabei können zumindest seine Zuhörer zufrieden einschlummern, wenn ihnen nicht von zu viel Pathos und einer für Balladen viel zu beliebigen Stimme schlecht geworden ist und ihre Stunde des Wolfes zur Stunde der Kloschüssel wird.

Belgien: Rythm inside von Loic Nottet

Nicht alles, was ein gescheitertes Castingprojekt ist, muss auch Mist sein. Der Bengel aus Belgien beweist das sehr eindrucksvoll. Der Song erinnert mich aus unerfindlichen Gründen an I can’t dance von Genesis. Die Strophen wunderbar reduziert, nur Schlagwerk und ein Backgroundchor, im Refrain dann Kraft hinter die Stimme. Die Begleitmusik bleibt gleich, aber die Stimmung wechselt eindrucksvoll. We’re gonna rapapap tonight singt er glaube ich, das ist fast schon dadaistische Sprachkunst, ich tanze dazu nackt auf dem Esszimmertisch.

Weißrussland: Time von Uzari&Maimuna

Ich mag die belarussischen Beiträge schon aus Prinzip nicht. In diesem Jahr haben sie sich für Eurodanceanleihen entschieden. Time is like thunder Haha … Allein schon die Textzeile ist Mist. Das gilt für viele Textzeilen, aber die weißrussischen Beiträge sind leider immer viel zu gewollt. Die Stimmen, das Arrangement, der Text, überall ein wenig zu viel Pathos, ein wenig zu viel Glätte. Dieser Beitrag ist nicht ganz so schlimm wie diejenigen der letzten Jahre, aber auch dem merkt man an, dass er in erster Linie gewollt ist, um zu siegen. Das gilt für alle Beiträge im ESC, aber die anderen Beiträge geben zumindest erfolgreich vor, in erster Linie wegen der Musik ausgewählt worden zu sein.

Schweiz: Time to shine von Mélanie René

Schon wieder so ein Song, der nach Windmaschine klingt. Sowohl Stimme als auch Instrumentenbegleitungen setzen in erster Linie auf Drama. Leider hat der Komponist vergessen, dass er für ein erfolgreiches Stück auch eine Melodie benötigt … Wenn er nicht gerade einen Raptext schreibt. Mehr gibt es wahrlich nicht zu sagen.

Zypern: One thing I should have done von John Karayannis

Der Opener erinnert an einen Folksong. Jungenstimme und Gitarrengeschrammel führt beinahe zwangsläufig zu Lagerfeuergefühlen und in den letzten Jahren gab es einige gute Beiträge aus der Kategorie Junge mit Mundhar… äh Gitarre, man denke an Me and my guitar aus Belgien. Dieser Song hier ist nett, der Interpret erzählt eine süße kleine Liebesgeschichte und das Lied ist insgesamt herrlich unprätentiös. Kein Drama, kein Pathos, es kommt angenehm locker und entspannt den Gehörgang herunterflaniert. KEIN Siegkandidat, aber wohltuend aus der Masse herausstechend.

Tschechische Republik: Hope never dies von Marta Jandová & Václav Noid Bárta

Willkommen zurück, Tschechien. Mit Marta ist eine erfolgreiche Künstlerin dabei, die viel Duetterfahrung hat, sodass dieser Song nicht die gleichen Schwierigkeiten hat wie der aus Armenien. Eine rockige Ballade, die unpassenderweise stellenweise mit einem Geigenteppich überdeckt wird. Die stärksten Momente hat dieser Song, wenn nur die Künstler singen und im Hintergrund das Klavier klimpert. Ansonsten ist das Konfektionsware … Und der Anteil der Konfektionsware überwiegt leider.

Deutschland: Black Smoke von Ann Sophie

Was habe ich noch gleich über Weißrussland geschrieben? Der deutsche Beitrag ist ähnlich. Ein glatter, völlig beliebiger Popsong, der an mir vorbeidudelt, eine Stimme, die eigen ist, aber leider nicht im positiven Sinne … Klingt viel zu gequetscht. Der Text ist auch dämlich und im Gegensatz zum weißrussischen Beitrag versucht dieses Machwerk noch nicht einmal, sich in meinem Ohr festzusetzen, sondern will dort so schnell wieder raus. Aber eigentlich ist Deutschland auch bloß ein Teil von Österreich (nicht umgekehrt!), damit gilt für uns auch die Gastgeberrolle und das Gesetz des schlechten Songs.

Dänemark: The way you are von Anti Social Media

Retro Pop! Ich finde diese Retro Pop Beiträge, die direkt aus den 60ern bis 80ern geklaut zu sein scheinen immer klasse. Wie auch die Australier setzen die Dänen in diesem Jahr auf gute Laune, aber mit diesem typisch skandinavischen Popsound, der auch ABBA zu einem Mega-Act gemacht hat. Das Ding geht über das Ohr direkt ins Euphoriezentrum des Gehirns und leitet von da aus einen Befehl an die Füße weiter, im Takt „Spitze, Hacke“ zu machen. Das perfekte Schreibtisch-Workout.

Estland: Goodbye to yesterday von Elina Born & Stig Rästa

Weiter geht es mit dem Retro Chique und meinem persönlichen Favoriten in diesem Jahr. Goodbye to yesterday ist ein klassisches Duett, das an die alten Nancy-Sinatra-Duette erinnert, von der Instrumentierung über die Stimmen bis dahin, dass das hier tatsächlich ein Duett ist, in dem die beiden Künstler eine Geschichte aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen. Der Bläser- und Synthiesound ist dabei immer dezent im Hintergrund, der Fokus der Nummer liegt auf dem Gesang und der Geschichte. So gut gemacht und for Allem musikalisch ernst gemeint würde ich mir nur ein einziges Mal ALLE Beiträge des ESC wünschen.

Spanien: Amanecer von Edurne

Ich habe zwar drei Jahre lang Spanischunerricht in der Schule genossen, ich musste dennoch erst einmal nachgucken, was der Songtitel bedeutet. Letztlich ist es aber egal. Ich bin zwar ein großer Fan von Songs in der Landessprache, weil damit gleichzeitig ein Stück der nationalen Musikkultur transportiert wird, aber wenn das bei Spanien bedeutet, dass ich nur ein herzzerreißendes Hieyiey bekomme, das so lange mit Geigenteppichen bestrichen wird, bis ich an Diabetes erkrankt bin und anschließend von Trommeln aus der Dose bewusstlos geschlagen werde, dann liebe Spanier: Singt doch bitte lieber auf klingonisch. Übrigens: amanecer heißt dämmern, aufwachen, Tagesanbruch. Ich würde es aber mit Morgen-Grauen versuchen, zumindest wenn man das Lied vor 12 Uhr hört.

Finnland: Ich weigere mich, das zu tippen!

Den finnischen Beitrag kann ich nicht aussprechen, ich kann ihn noch nicht einmal tippen. Ansonsten: Punk kann gut sein, Punk kann schlecht sein. Das hier ist schlechter Punk, weil er besonders unmelodiös ist. Das hat nichts damit zu tun, dass er auf finnisch ist, ich verstehe auch bei vielen englischsprachigen Punk Songs nicht einmal ansatzweise, was gesungen wird. Von daher gibt es dazu nicht mehr zu sagen als: Netter Versuch, im nächsten Jahr vielleicht doch wieder Metal. Aber immerhin musikalischer Lokalkolorit. Das stimmt mich wieder versöhnlich.

Frankreich: N’oubliez pas von Lisa Angell

Frankreich hat eine große Chanson-Tradition, die auch im diesjährigen Beitrag im Mittelpunkt steht. Der Song und die Stimme haben genau die richtige Dosis Dramatik, die Stimme ist dem Song vor allen Dingen gewachsen. Das ist häufig das Problem bei Chansonbeiträgen zum ESC, gewollt aber nicht gekonnt. Die Franzosen machen es richtig. Das Problem ist: Warum zum Geier muss das Ding noch aufwändig arrangiert werden? Die Stimme und die Melodie allein entwickeln genug Kraft, um selbst mich Gefühlseisberg zu berühren. Das Drumherum macht leider alles kaputt, weil es viel zu viel ist und vor meinen Augen einmal mehr die Windmaschine angeht.

Vereinigtes Königreich: Still in love with you von Electro Velvet

Willkommen in den swingenden Sechzigern. Beitrag Nummer 3 aus der Kategorie Retro Pop. Die Briten haben es sich in den letzten ca. 15 Jahren zur Regel gemacht, Mist zum ESC zu schicken und das obwohl Großbritannien neben Schweden wohl DIE Popnation Europas sein dürfte. Doch während die Schweden dies in schöner Regelmäßigkeit beweisen, setzen die Briten auf Understatement. Genug der Vorrede, denn der Song ist überraschend gut. Um ehrlich zu sein, bin ich verblüfft. Aber statt meine Zufriedenheit in große Worte zu packen, folge ich lieber der Aufforderung der Sänger und tanze einmal mehr, diesmal nicht nackt auf dem Tisch, sondern mit deutlichen Charleston-Anleihen rund um ihn herum … Und trage dabei zumindest haufenweise lange Perlenketten.

Georgien: Warrior von Nina Sublatti

Ich hasse diesen Typ ESC-Beitrag. Es handelt sich hierbei um einen Pseudo-Rocksong, der immer von einer Frau gesungen wird und in dem es immer darum geht, wie stark die Sängerin doch ist. Bei Gloria Gaynor brauchte es dafür keine Rockband, da hat die Stimme gereicht, um ihre Stärke deutlich zu machen. Gut, wenn man ein durchschnittliches Stimmchen hat, dann geht das nicht. Dann sollte man vielleicht aber auch nicht solch einen Song singen. Warrior lebt allein von den Instrumenten. Am liebsten würde ich weiterschalten.

Griechenland: One last breath von Maria Elena Kyriakou

Noch so eine ESC-Regel: Griechenland schickt eine Ballade mit dünnem Stimmchen und kommt immer ins Finale. In diesem Jahr klingt der Beitrag verdächtig nach dem letztjährigen Siegerbeitrag, aber eine schnelle Googlerecherche hat ergeben, dass Frau Kyriakou noch nicht einmal in ihrer Freizeit Vollbart trägt. Von daher sind die Griechen sich in diesem Jahr treu geblieben, haben sogar eine Sängerin mit einigermaßen brauchbarer Stimme gefunden und weil das Geld knapp ist, eben Material vom letzten Jahr recyclet.

Ungarn: Wars vor nothing von Boggie

Die Ungarn machen einen auf Irland. Die haben eine gnze Reihe von sehr reduzierten Singer-Songwriter-Stücken zur Geschichte des ESC beigetragen. Mit Danas All kinds of everything hat so ein Song sogar mal gewonnen. Das ist leider schon sehr lange her. Und für heile Welt interessiert sich heute keine Sau mehr. Ebenso ist der Sound der Bürgerrechtsbewegung mittlerweile als Protestsong überholt. Wenn man heute gegen etwas protestieren möchte, spielt man am besten Helene Fischer. Das hat zwar nichts mit Protest zu tun, sondern ist Ohrenfolter, aber es mobilisiert immerhin die Leute. Ich schweife ab, wo war ich? Achja… Der heutige Tag endet mit einem wirklich gut gemachten, wenn auch etwas kitschigen Weltverbesserungslied, das sich selbst ernst nimmt, dadurch authentisch und wiederum dadurch gut ist. Leider keinerlei Siegchancen, aber es stimmt mich musikalisch versöhnlich.

Was bleibt? Meine Top 3 stammen bislang aus
1) Estland
2) Belgien
3) Ungarn

was lustig ist, weil ich den belgischen Titel im Halbfinale doof fand und mit dem ungarischen im Finale auch nicht recht warm wurde. Aus der Masse an beliebigen Titeln fallen hingegen

1) Weißrussland
2) Georgien
3) Frankreich

auf. Die Nennung Frankreichs mag verblüffen, aber der Beitrag enttäuscht. Während Weißrussland und Georgien Repräsentanten mir verhasster ESC-Klischees sind, ist der französische Beitrag eigentlich gut. Er scheitert, aber immerhin auf hohem Niveau. Das macht ihn insgesamt besser als die Massenware im Mittelfeld, wobei Finnland außer Konkurrenz läuft, aber damit ist er auch ein gröserer Flop als das Mittelfeld. Teil 2 folgt nächste Woche, ich muss jetzt erstmal ins Schweigekloster.

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