Trautes Heim, Glück gibts nur, wohnst du allein

Sonntags habe ich wohl meinen Philosophischen. Ich könnte über meine Erfahrungen mit Downton Abbey schreiben, weil heute das Finale der dritten Staffel auf dem Programm steht oder etwas tiefer in die Materie des Brotbackens einsteigen, weil es heute ein Bild von einem veritablen Fehlschlag gibt. Ich habe auch haufenweise Bilder im Garten geschossen, die Möhrensaat ist aufgegangen, ich habe einen Ausflug auf den Pflanzenflohmarkt gemacht, die Erdbeeren werden reif und am Freitag hatte ich frei. Dabei sind so einige neue Küchenprojekte entstanden. Aber heute dachte ich mir, einmal über das Zusammenleben in der Familie zu schreiben als Abschluss meiner „Jeden Tag ein Beitrag“-Woche.

Familie ist toll, im wahrsten Sinne des Wortes. Wer auch immer von seiner Familie spricht, drückt größte Wertschätzung aus oder Enttäuschung. Ein egal in Sachen Familie gibt es nicht oder nur nach einem qualvollen Emanzipationsprozess. Sie ist immer mit hohen Erwartungen verbunden. Familie ist Geborgenheit, Zuneigung, Liebe und bla, bla bla. Wer so spricht, kennt meine Familie noch nicht genug.
Eigentlich habe ich die Bande ja auch lieb, aber sie treibt mich ständig in den Wahnsinn. Die haben alle grässliche Marotten. Herr Zeilenende Srs. notorische Unentschlossenheit und Planungsunfähigkeit, Mutter Zeilenendes Unleidlichkeit, dazu meine beiden Brüder, die das Wort Rücksichtnahme wahrscheinlich noch nicht einmal buchstabieren können … und die drei Zeilenende-Katzen sind keinen Deut besser.
Man mag mich für ungerecht halten und das bin ich zugegebenermaßen auch. Zudem hochgradig undankbar, selbst ein schwieriger Fall und ständig übellaunig. Und dann noch wegen solcher Kleinigkeiten wie die, dass mein mittlerer Bruder sich kategorisch weigert, im Haushalt etwas zu tun, um das man ihn nicht nachdrücklich bittet (selbst den von ihm produzierten Abwasch spüle meist ich ab) oder dass er trotz eigenen TVs meint, wenn Fußball läuft gehöre das Wohnzimmer ihm oder dass er am Wochenende, wenn alle zeitunglesend am Frühstückstisch sitzen und er später dazu kommt, den Fernseher anmacht. Und wenn jemand es wagt, ein Gespräch zu beginnen, dreht er die Lautstärke höher.
Bin ich empfindlich? Ja. Sage ich was? Nein. Ich ärgere mich still. Das Problem ist, dass ich allein und in WGs gewohnt habe, bevor ich berufsbedingt wieder bei meinen Eltern eingezogen bin. Ich hatte ein Jobangebot, bevor die letzten Prüfungen gelaufen waren und keine Zeit für Wohnungssuche. Ein Interim, das hoffentlich bald wieder vorbei ist. Aber das ist auch eine Frage des lieben Geldes.
Ich habe in den acht Jahren mit eigenem Haushalt Routinen entwickelt, die von denen meiner Familie abweichen, genau so wie sie Routinen entwickelt haben, deren Teil ich nicht mehr war. Dennoch habe ich immer das Gefühl, dass nur ich es bin, der zurücksteckt, dass es niemanden interessiert, ob mich gewisse Dinge stören. Wenn ich leise Kritik äußere, dann wirft man mir vor, ich sehe die Dinge zu verkrampft. Ich habe aber meine Autonomie aufgegeben.
Ich produziere Arbeit, klar. Aber ich produziere keine neuen Aufgaben. Es gibt ein paar Hemden mehr zu bügeln, aber die Bügelwäsche gibt es so oder so. Dafür übernehme ich Dinge wie den Garten oder den Abwasch. Während ich mich also in das System einfüge, habe ich meine Entscheidungsfreiheit abgegeben. Heute Abend keine Lust auf den Abwasch? Dann weiche ich die Töpfe halt ein und spüle sie morgen ab. Früher war das kein Problem, da war es meine Entscheidung, wann ich was in meinem Haushalt mache. Jetzt hingegen gibt es Genörgel, weil die Spüle vollsteht. Ich will meine Ruhe haben? Kein Problem, ist ja nur das Mitbewohnerwesen da und das will ohnehin noch einkaufen gehen. Nun? Ständig irgendjemand um mich, wenn ich nicht in mein „Zimmer“ gehe, wo Platz für ein Bett und einen Schrank ist. Fernsehen? Aber ich wollte doch… Egal, guckt ihr Fußball.
Ich will nicht undankbar klingen, das wäre unfair. Aber es ist so ungemein anstrengend, sich ständig anzupassen, immer Rücksicht zu nehmen, sich dauernd so zu fühlen als sei man selbst es, der zurücksteckt und der einzige von den Kindern, der Verantwortung für etwas übernimmt. Manchmal würde ich gerne schreien, sie anschreien, ihnen ins Gesicht schreien, wie mich manche ihrer Verhaltensweisen ankotzen. Aber das wäre undankbar. Dann gehe ich in den Keller mit meinen Möbeln und trauere der Vergangenheit nach.

Sie essen ja artig mein Brot. Heute gibt es linkerhand ein Roggenbrot und rechterhand ein Dinkel-Roggen-Mischbrot.

image

Das ausgestoßene Brot im Einzelbild hat viel zu viel Wasser abbekommen. Es ist ein Weizenvollkorn-Leinsamenbrot, das so flüssig war, dass ich es vorsorglich in die Brotbackform gepackt habe. Dort ist es schon nicht so aufgegangen, wie es das sollte. Nach einer Stunde im Ofen sah es noch nicht gar aus, also hat es eine weitere halbe Stunde bei niedriger Temperatur bekommen. Dann habe ich es gestürzt, gemerkt, dass es immer noch nass ist und mit der Oberseite nach unten noch einmal eine halbe Stunde gebacken. Dabei ist es dann völlig zusammen gesackt.

image

Advertisements

5 Kommentare zu „Trautes Heim, Glück gibts nur, wohnst du allein

  1. Wohl wahr, Familie ist ein stets heikles Thema, weil man bei Menschen, die nicht Teil dieser »Herde« wären, viel früher und entschlossener einschreiten und Änderungen fordern würde. Ich Selbsthass vier Geschwister, die jeweils ihre ganz eigenen Marotten entwickelt haben. Wir mögen uns alle, doch müssten wir zusammenleben, gäbe das »Mord und Totschlag«.

    Die (beiden oberen) Brote sehen sehr gelungen aus. Meine Frau backt auch immer wieder mal selbst Brot — sehr lecker!

    Gefällt 1 Person

  2. Mein Mann und ich erfreuen uns täglich unseres Lebens, seitdem wir es ohne unsere Töchter/ Beutetöchter führen dürfen.
    Weit, weit weg wohnen sie, so dass ein spontaner Überraschungsbesuch “ Hallo, da sind wir“ zum Glück nicht vorkommt.
    Bis vor einigen Jahren mussten wir ein bis fünfmal im Jahr Überfälle über mehrere Tage aushalten: tausend Koffer, Schuhe, Handy permanent am Ohr, ein unglaubliches Gesabbel, vollgestellte Bäder. Wie Vögel, die aufgeregt in einem Käfig rumflattern.
    Mittlerweile verdienen sie ausreichend Geld um auf Ferienwohnungen/ Hotelzimmer auszuweichen ….wenn sie alle auf einmal anreisen.
    Mein Mann und ich sind manchmal fies und buchen über Weihnachten und Silvester einfach einen Urlaub. Allein natürlich.
    Die gesamte Familie muss ich nur ab und an ertragen. Da ich an solchen Tagen aber meist die Köchin bin, muss mein Mann mehr Nerven lassen – ich kann mich zwichendurch in der Küche erholen 🙂

    Wir lieben sie – alle- auch die ganz Schrägen. Aber ertragen können wir sie nur in kleinen Dosen.

    Wenn ich deinen Beitrag lese, würde dir ein wenig mehr „Egoismus“ gut tun 🙂 🙂 🙂
    oder platt ausgedrückt: wenn du deine Bedürfnisse als nicht so wichtig betrachtest, warum solltest es dann andere tun?

    ( mist, meine tastaur scheint defekt zu zu sein)

    Gefällt 2 Personen

    1. Genau diesen Rat würde ich mir auch geben, wenn ich nicht ich wäre. Danke dafür. Meine Familie legt nur leider eine gewisse Ignoranz an den Tag, wenn ich versuche, meine Bedürfnisse und vor Allem Gefühle zu artikulieren. Wenn man mir überhaupt zuhört, fällt das unter Wohlstandsproblem, weil ich meine Lage durchreflektiert habe. Und dann kann sie ja gar nicht mehr so schlimm sein oder es ist Spinnerei. Und da ich bei solcher Kommunikation immer ein immenses Verletzungsrisiko eingehe, spare ich mir das mittlerweile. Ich hab dummerweise nunmal die schwache Position: Ich bin (1) derjenige, der hier wohnen will (wobei es keine vernünftige Alternative gibt) und (2) schon so erwachsen sowie (3) mit mehr Erfahrung gesegnet, die meinen Brüdern abgeht und sollte deshalb rücksichtsvoller sein.

      Es ist ja auch nicht so, dass jeder Tag so ist. Wir haben auch viele gute Tage und im Zweifel flüchte ich mich in den Garten, da lässt man mich auch in Ruhe … Aber mein Beitrag soll in erster Linie der Warnung vor dem Rückzug zu den Eltern und in zweiter Linie zu weiterer Bekanntschaft mit dem Rest des Zeilenendeschen Haushalts und in dritter Linie erst mit meiner Gemütslage dienen. 🙂 Die Wagniskostn rentieren das mögliche Ergebnis in dem Fall nicht, weil ich es weiterhin als Provisorium begreife.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s