Gerüche und Erinnerung

Es gibt dieses seltsame Phänomen, dass wir mit bestimmten Gerüchen bestimmte Gefühle und Erinnerungen verbinden. Mit dem Tastsinn geschieht das meiner Erfahrung nach nie oder vielleicht sehr selten, mit dem Geschmacks-, Gesichts- und Gehörsinn gelegentlich, aber der Geruch ist zumindest bei mir mit intensiven Erinnerungen verbunden. Das eindrücklichste Beispiel für solch eine Verknüpfung ist mit dem Gehörsinn verbunden. Wann immer ich „Hohe Tannen“ höre, bin ich gedanklich im Haus meiner Großmutter. Dort hallte es sehr stark und egal wo im Haus sie war: Wenn sie das Lied zu singen begann (und das tat sie häufig), konnte ich sie singen hören. Ich kann mich unter gewöhnlichen Umständen kaum an das Haus erinnern, aber bei „Hohe Tannen“ kriechen sehr lebhafte Erinnerungsszenen aus den hintersten Winkeln meines Kopfes hervor. Aber die Masse der Flashbacks resultiert aus Düften.

Essigsaure Dämpfe, gebratener Speck und ich sitze am Küchentisch der gleichen Großmutter, denn dann gibt es Falsches Kotelett in meinem Kopf. Brathähnchen und Fritteuse: das Gleiche. Es sind nicht die Geschmäcker, es sind die Gerüche. Der Geruch eines Meerschweinchenstalls ruft in mir Bilder auf, wie ich als Vierjähriger die Kindergarten-Meerschweinchen ins Freigehege tragen durfte. Ich gehe dabei einen Weg ab, den es heute nicht einmal mehr gibt, vorbei an Sandkisten, einem Kletterhaus, einem Teich, durch einen Blumenbogen. Alles dank eines – nicht einmal sonderlich angenehmen – Geruchs. Bei muffigen Kellerräumen glaube ich oft, ein Bellen und ein Windspiel zu hören, weil meine erste richtige Wohnung so roch, es dort einen Hund gab und das Windspiel meine Vermieterin signalisiert, die schon auf mich gewartet hat, nur um sich zu vergewissern, dass es mir gut geht.
Wie komme ich drauf? Meine neue Gesichtscreme ist daran schuld und es war keine angenehme Erinnerung, zumindest zunächst nicht. Meine neue Gesichtscreme riecht so wie ein Schwarm aus Jugendtagen. Ich liege müde im Bett und die Bilder brechen über mich hinein: Die ganze Geschichte unserer Freundschaft von der ersten Begegnung über den großen Liebeskummer zu einer besonderen Vertrautheit, die auch langes Schweigen aushält und der Erkenntnis, dass wir uns eigentlich schon viel zu lange nicht mehr gesehen haben. Das war definitiv zu heftig für eine Creme. Die Nacht war zu schlaflos dafür, dass es die Nacht vor dem Zoobesuch war. Ich war irritiert, woher die Flashbacks kamen, erschrocken dass er mich irgendwo tief in mir immer noch in dunkelste Verzweiflung stoßen kann, letztlich erfreut, nochmal nostalgisch in meiner Jugend schwelgen zu können und voller Vorfreude, an was ich mich noch so alles erinnern würde. Im Laufe der Reise durch meine Erinnerung offenbarte sich mir, woher es kam – der Geruch. Nochmal kaufe ich die Creme jedenfalls nicht, auch wenn ich mit der Distanz und zurückgewonnener Souveränität über mein Teenager-Ich schmunzeln kann. Und nur deshalb erzähle ich euch davon, weil ich mich gerade eingecremt habe und über mich selbst, meine Flashbacks und das Kind lächele, das hoffte ein Loch würde sich auftun und ihn verschlucken.
Als Frge bleibt, wieso es gerade die Gerüche sind. Ich kenne ein paar Menschen, die ihm ähnlich sehen oder eine ähnliche Stimme haben. Ich kenne eine Frau, die als Zwilling meiner Großmutter durchgehen würde. Ich bin eigentlich ein visueller Mensch. Ich kann am Besten mit Schaubildern und Texten lernen, Geräusche verschwinden bei mir in Phasen der Konzentration und mein Geruchssinn ist selbst für einen Menschen nicht sehr stark ausgeprägt. Woran liegt es, dass dennoch gerade daran gewisse starke Reize hängen?

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