Keine Montagsfrage, stattdessen: Proust-Fragebogen

Die heutige Montagsfrage zu beantworten, ist für mich sinnlos. Gefragt ist, ob ich mein aktuelles Buch beim jetzigen Stand weiterempfehlen würde. Ich habe derzeit kein angefangenes Buch, ich weiß noch nicht einmal, wann ich das nächste Buch anfangen werde. Ich habe hier einen dicken Stapel Zeitschriften liegen, den ich mir in dieser Woche abzubauen vorgenommen habe. Wenn ich dennoch die Woche eine Rezension veröffentlichen sollte, dann weil ich zwei ausgelesene Bücher mit Anmerkungen auf dem Schreibtisch habe. Als Ersatz biete ich euch deshalb an solchen Dienstagen zukünftig eine Frage aus dem Proust- Fragebogen, heute:

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Und sogleich habe ich mir einen Hammer ausgesucht. Die ersten beiden Fragen, die ich vor Urzeiten beantwortet habe und die irgendwo im Blogarchiv liegen, gingen locker-flockig von der Hand. Diese hier fordert mich heraus. Ich betrachte Fehler anderer Menschen, so sie kein besonderes Maß an Verantwortung tragen und keine Leben gefährden, meist als Special Effects. Das gib mir selbst die Illusion, fehlerfrei zu sein.
Ich denke, die Frage zielt auf Fehler, die man hat, nicht solche, die man macht. Die Fehler, die man macht, sind immer abhängig von Fehlern, die man hat oder sie liegen außerhalb der Verantwortung des Fehlenden. Zur Verdeutlichung: Behandle ich eine Person schlecht, liegt das wahlweise daran, dass ich unfähig bin, mich angemessen in die andere Person hinein zu versetzen (mein Fehler: mangelnde Empathie) oder es liegt an mangelnder Information (die andere Person verschleiert systematisch ihren wahren Zustand und provoziert damit ein Schlecht-Behandeltwerden).
Auf diese Art und Weise kann ich eigene Verhaltensweisen rechtfertigen, die andere Menschen als Fehler betrachten. Das ist ausgesprochen praktisch, wenn man mit Erwartungshaltungen konfrontiert wird, die man nicht erfüllen kann. Nehmen wir meinen eingeschränkten Gefühlshaushalt: Im Umgang mit Menschen aus Sozialberufen wirkt das häufig wie ein Fehler. Nur weil ich Gefühlsäußerungen durchaus analysieren kann, schließen sie, dass ich sehr einfühlsam bin. Aber ich betrachte Stimmungen meist aus der Distanz und aktiviere ein gelerntes Repertoire an bewährten Handlungsweisen. Ich fühle nicht mit.
Im Umgang mit den Kolleginnen lege ich diese analytische Sichtweise dar. Ich kommentiere Gefühlsregungen entweder nicht oder spreche Empfehlungen aus, was man tun könne, statt mich gemeinsam im Elend zu suhlen. Mal werde ich dafür geschätzt  weil ich so pragmatisch sei, mal bin ich aber auch ein gefühlloser Eisklotz, der sich einfach nicht auf Nähe einlassen will. Ich könnte das sicherlich üben und lernen. Andererseits: Ist es ein Fehler, wenn es mich nicht belastet, sondern ich so ganz gut durchs Leben komme?
Welche Fehler gibt es nun zu entschuldigen? Was ich nicht entschuldigen kann ist Unehrlichkeit. Ich spiele gern mit offenen Karten. Unehrlichkeit fängt bei mir schon da an, wo jemand etwas sagt, aber durch sein Verhalten zu verstehen gibt, dass er das Gegenteil meint. Auf eine ernst gemeinte Nachfrage nach dem Befinden möchte ich nicht unter Heulen hören,  dass es der Person gut gehe. Zumindest nicht dann, wenn die Person sich von mir Zuspruch erhofft. Entweder sagen, was Sache ist oder Schweigen. Das macht das Leben einfacher: Man hat mehr Zeit, um Probleme zu lösen, statt sie mit überflüssigem Gesprächslärm zu füllen. Schweigen ist ein probates Mittel, um unangenehme Themen zu vermeiden und damit durchaus in Ordnung. Aber eine Lüge ist nur in so wenigen Ausnahmefällen hilfreich, dass ich auf Unehrlichkeit eigentlich immer allergisch reagiere.
Ich bin immer noch nicht weiter gekommen. Aber ihr merkt vielleicht, dass dies hier ein schwieriges Thema ist. Ohne es umfassend durchdacht zu haben (Ihr merkt, dass mir das wichtig ist, vielleicht auch ein Fehler?) würde ich sagen, dass ich Fehler aus Schwäche am ehesten verzeihen kann. Fehler aus Schwäche, wenn sie zugegeben werden, bedeuten immer ein Eingeständnis des Scheiterns. Wenn ich es recht bedenke, sind es eigentlich diese beiden Zutaten, auf die es ankommt. Es ist weniger der Grund für den gemachten Fehler als der Umgang damit, der mich verzeihen lässt:
Fehler sind umso leichter zu verzeihen, je mehr sie als Fehler eingestanden werden und als Scheitern wahrgenommen werden. So ergibt sich nämlich die ideale Möglichkeit, den Fehler zukünftig nicht erneut zu begehen: Man kann daraus lernen. Und das ist der Wert des Fehlers: Der Fehlende hat eine Erkenntnis und kann sich produktiv dazu verhalten. Das macht den Fehler verzeihlich(er).

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