Die Hölle, das sind Geranien

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Sartre sich irrt. Grundsätzlich. Die Anderen können zwar die Hölle sein, aber sie sind es nicht. Korrekterweise müsste es heißen: L’enfer, c’est les  géraniums. Oder so ähnlich. Ich hatte nie Französisch in der Schule, also hoffe ich mal, dass ich den Plural richtig gebildet habe. Aber das ist ja auch gar nicht das Thema. Eigentlich wollte ich euch nur mitteilen, dass es morgen Abend eeendlich eine Buchrezension gibt, wenn mein innerer Lektor durch meinen äußeren Physiotherapeuten nicht zu Tode trainiert wurde. Dann fiel mir ein, dass ich ein paar Bilder meiner letzten Pflanzenanschaffungen getätigt habe und euch in den nächsten Wochen immer mal wieder mit auf einen Streifzug in Zeilenendes grüne Hölle nehmen könnte. Damit wären wir gleich doppelt beim Thema, denn ich ahnte Schlimmes, als ich letzte Woche die Hausmeister im Seniorenzentrum Blumenkästen schleppen sah. Letztes Jahr waren die voller roter Geranien und es gibt nur wenig mehr, dass ich mehr verabscheue als Geranien im Allgemeinen und roten Geranien im Besonderen. Sie liegen knapp vor eitrigen Pickeln, ontologischen Fragen, dem Programm von RTL2 sowie Kriegen und werden lediglich durch Existenzphilosophie, schleimigen Auswurf, jedem beliebigen Beitrag Weißrusslands zum ESC (We are the Wieners … *hust*, das toppte edht alles, deshalb höre ich auf) sowie weiße Geranien überboten. Ich war schon bei meinem letzten Gärtnereibesuch einem Ohnmachtsanfall nahe, Geranien in Hülle und Fülle, jedoch… Ich habe den Faden verloren, nicht wahr?
Meine Abneigung gegen Geranien im Allgemeinen und diesem furchtbar einfallslosen klatschrot im Besonderen (wie wäre es mit schwarzen Geranien?) sollte deutlich geworden sein. Heute morgen wäre ich deshalb am liebsten weinend nach Hause gelaufen. Ich war glücklich, dass mein Zug fuhr undich früh am Arbeitsplatz war, da bot sich mir folgender Anblick:

image

Und der rechte arm am Bildrand gehört der Ex-Kollegin, die mittlerweile für die Blumendeko im Haus verantwortlich ist. Sie pflanzte munter Geranien in Balkonkästen. Ich nahm die Beine in die Hand, rannte vorbei an zahllosen weiteren Wagen voller Ihr-wisst-schon-was und war für den Rest des Tages unleidlich. Bis Vertragsende werde ich jeden Arbeitstag mit dem Anblick einer dreistöckigen Häuserfront voller roter Geranien an den Balkonen beginnen und beenden. Ich werde viele bittere Tränen des beleidigten ästhetischen Empfindens vergießen und ich werde mir anhören müssen, wie schön doch die Blumendekoration ist, ohne mit meinem vehementen Widerspruch den Bewohnern vor den Kopf zu stoßen. Ich armer Mann …

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11 Kommentare zu „Die Hölle, das sind Geranien

  1. Denk einfach, dass sie ja auch nichts dafür können, die armen Blumen, und dass sie auch nur leben wollen. Das sag ich mir, wenn ich hässliche, winzige, überzüchtete Hunde sehe.
    Geranien sind übrigens gut gegen Insenkten. besonders Mücken. Bei uns in der CH gibt es sie vor allem auf dem Land auf Bauernhöfen und auch wenn ich sie nicht besonders ästhetisch finde, denke ich mir: Es ist eben was Gemütliches, was viele mit Heimat assoziieren. Sollen sie doch.
    … ce sont … muss es übrigens heißen, auch das Verb will den Plural. 😉

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    1. Machen wir erstmal die Französisch-Nachhilfe für mich. 🙂 Das Originalzitat ist lt. kurzer Recherche einhellig „L’enfer, c’est les autres.“ Dementwprechend habe ich auch nur nachgeguckt, was Geranie auf französisch heißt, welches Genus es hat und wie das mit dem Plural geht. Ist „les autres“ dann zwar Plural, wird aber per Ausnahmeregelung mit Singular verwendet oder liegt es daran, das Sartre womöglich les autres als monolithischen Block versteht, als Masse statt als Ansammlung von Individuen? Oder bin ich auf nem völlig falschen Dampfer? Ich mag Existenzphilosophie zwar nicht wirklich leiden, aber verstehen will ich sie ja doch 🙂

      Deine Beobachtungen gelten auch für Deutschland, mit dem Zusatz, dass die blöden Dinger wegen ihrer Unverwüstlichkeit auch in Städten gefühlt an jedem zweiten Balkon rumhängen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher meine Abneigung kommt, aber in Kombination mit ihrer penetranten Omnipräsenz werden sie zum Ärgernis. Ähnlich wie Nationalflaggen bei Fußball-WMs Man will weit weg von ihnen sein, weil man sich belästigt fühlt, ihnen zu entgehen bedeutet aber einen höheren Verlust an Lebensqualität als sie zu ertragen. Gut, das liegt bei mir an linken Beißreflexen. Aber bei den Geranien ließe sich ja leicht Abhilfe schaffen, wenn der in der „Mein schöner Garten“ propagierte Artenreichtum zumindest begrenzt Einzug in deutsche Blumenkästen halten würde. Petunien sind auch pflegeleicht. Wie sagte unsere Kanzlerin mal? Multikulti sei gescheitert. Für unsere Balkone stimmt das wohl. 😉

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      1. Oh, dann lass mal schön „c’est“ stehen, wenn das so ist.
        Was ich im Laufe meines Lebens gelernt habe: Um mich über Dinge aufzuregen, die ich nicht ändern kann (und die letzendlich niemandem schaden), Energie aufzuwenden, ist mir meine Energie zu schade.
        😉
        Gute Nacht!

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  2. @Sofasophia: oh doch – Geranien können was dafür, daß sie Geranien sind. Seit Jahrhunderten gibt es geheime Trainingscamps (lt. Insiderinfos befinden die sich in Holland) in denen die rot-kommunistische Geranien-Guerilla den Blütenblattabwurf und den Komplementärfarbenterror probt. Wehret den Anfängen! Deutschland den Gänseblümchen!

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      1. So viele von denen haben wir gar nicht mehr, eher noch Frauen, die die Zeit bewusst erlebt haben. Auch wenn mir „Auf auf zum Kampf“ näher ist, habe ich es so noch gar nicht gesehen, politisch sind hier alle eigentlich so schwarz, dass die im Kohlenkeller noch Schatten werfen. Vielleicht sollte ich trotz mangelnden Talents auch einen Singkreis anbieten… Das Polenstädtchen krieg ich sogar auch noch hin. Und zur Not schmettern wir auf dem Weg in den dritten Stock die Bergvagabunden. 😊

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