Wie übersetzt man Dinkelbrot? Von Übersetzungen und Nussbroten

Es ist Sonntagmorgen und Amazon Prime mag den Fernseher wieder einmal nicht. Das ist niederschmetternd. Dabei war ich diese Woche artig und hätte mir zur Belohnung meine wöchentliche Dosis englisches Herrenhaus verdient. Jetzt muss ich mir mit meinen Podcasts behelfen, um den Sonntagmorgen zu genießen, und diesen Blogbeitrag ohne zusätzliche Inspiration verfassen.
Auch wenn ich in meiner Woche Freizeit nicht zum Lesen gekommen bin, weil so viele Dinge anstanden und zu erledigen waren, hat die Montagsfrage in mir das Bedürfnis ausgelöst, über Literatur nachzdenken. Thema heute: OV und Übersetzung. Und wer sich für Brotbäckerei interessiert, wird wie immer auch mit einem kleinen Blick auf meine Backstubenesultate beglückt, wenn er nur nach unten scrollt.

Übersetzung=Abweichung

Es gibt bisweilen einen heftigen Streit darum, ob man es wagen dürfe, Werke in Übersetzung zu konsumieren, weil jede Übersetzung vom Original abweiche und damit verfälsche. Dies betrifft Gedrucktes wie Gesprochenes, beim Gedruckten gilt dies gleichermaßen für Literarisches wie Sachliches. Die jeweilige Abweichung ist gattungsspezifisch, es ist aber stets das gleiche Argument, dass von der Intention des Autors abgewichen werde.
Für Literarisches und für Film/Serie ist es zumeist das Ästhetische, das verfälscht werde. Ein Gedicht bekommt eine andere Melodie, wenn andere Worte als die originalsprachlichen verwendet werden. Stilmittel wie Dialekte oder Redensarten lassen sich nur sinngemäß übertragen. Londo Mollari bspw. spricht in Babylon 5 englisch mit einer merkwürdigen Einfärbung. Der Darsteller Peter Jurasik erzählte einst, er habe einen Centauri-Dialekt geschaffen, um von der Kritik nicht hören zu müssen, er würde eine miese Interpretation des Dialekts xy abliefern. Wer wisse schon, wie echte Centauris englisch sprächen? Im Deutschen fehlt Londo der Dialekt, auch wenn ich geneigt bin zu sagen, dass er bisweilen sehr affektiert klingt und der Synchronsprecher versucht, ihm einen Oberschichten-Soziolekt zu geben.
Geisteswissenschaftliche Texte haben in der Übersetzung das Problem, dass bestimmte Begriffe mit bestimmten Theoriekonzepten verbunden sind. Man denke an Platon und seine Liebe. Im Altgriechischen gibt es eros, philia und agape, die sich alle gleichermaßen mit dem deutschen Wort Liebe wiedergeben lassen, aber unterschiedliche Konzepte beinhalten. Liest man Platon auf deutsch, weiß man in einer rein einsprachigen Ausgabe nicht sofort, welchen Aspekt Platon anspricht.
Dieses Problem ist ziemlich speziell, deshalb möchte ich es im Folgenden ausklammern. Der Hinweis ist mir aber wichtig, weil durchaus auch in der Literatur solche Übersetzungsschwierigkeiten aufkommen können: Manche Sprachen unterscheiden „schön“, wenn sie sich auf Männer oder Frauen beziehen (handsome & beautiful / guapo & bella), das Deutsche nicht – oder nicht in diesem Maße. Spielt ein Autor mit Geschlechterkategorien, nennt einen Charakter mal handsome, mal beautiful, gehen diese Anspielungen bei der Übertragung unter Umständen verloren.

Die Autor-Text-Leser-Relation

So weit, so gut, aber ist das überhaupt ein Problem? Kritiker von Übersetzungen stellen sich vor, der Text (der Einfachheit halber sind Filme und Serien im Folgenden auch Texte, lesen meint schauen, etc.) enthalte allein die Intention des Autors, die sich aus dem Text unmittelbar erschließen lasse. Damit gibt es genau ein richtiges Verständnis des Textes und abweichende Deutungen sind falsch. Wir als Leser werden auf die Rolle des Schülers reduziert, die dem Autor in seiner gezielten Vermittlung folgen. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das nicht mein Empfinden beim Lesen.
Lesen ist ein komplexer Vorgang. Es gibt sicherlich die Intention des Autors, aber diese wird durch das Werk vermittelt. Der Text selbst hat sein eigenes Anliegen, der u. A. durch seine Form gegeben ist. Gedichte, Filme, Romane haben je gattungsspezifische Konventionen, denen sie folgen und mit denen sie spielen, manchmal vom Autor sogar unbeabsichtigt.
Man kann einen Text konsumieren, ohne nach der Intention des Autors zu fragen sondern allein danach, was der Text uns sagen möchte, unabhängig vom Autor. Eine Übersetzung ist dann ein völlig anderer Text als das Original, weil hier die gleichen Probleme akut werden, von denen ich im vorherigen Abschnitt sprach. Die Gründe dafür sind andere, aber auch in diesem Fall fühle ich mich als Leser missverstanden. Erneut bin ich lediglich auf der Suche nach dem einen richtigen Verständnis, ohne eine eigene Leistung zu erbringen.
Ich will nicht die Bedeutung der Intentionen von Text oder Autor leugnen, aber ich als Leser erbringe durch mein Lesen eine eigene Leistung, sowohl durch mein Lesen, das immer versucht zu deuten, als auch durch meine Intention, mit der ich an den Text herangehe. Zur Illustration zwei Beispiele: John Stuart Mill und Immanuel Kant sind Philosophen, die in ihren Schriften Wahrheiten vermitteln wollen. Doch manchmal lese ich die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, weil Kant dort wunderschöne Formulierungen benutzt und ich mich an ihnen erfreuen will oder ich lese On Liberty, weil der verkommene gesellschaftliche Diskurs zu manchen Themen mich traurig stimmt und ich Trost brauche. Beides ist von den Autoren sicher nicht beabsichtigt. Mit der Behauptung, Kant sei nach einer gewissen Eingewöhnung ein glänzender Stilist, stehe ich zudem womöglich allein da.

Textrezeption und Übersetzung

Wer Übersetzungen ablehnt, nimmt sowohl die Texte als auch sich selbst als Leser nicht ernst genug. Jede Begegnung mit einem Text ist immer sofort Interpretation. Niemand begegnet einem Text interesselos, das Interesse können wir höchstens ausblenden, um einen Text wirken zu lassen (das interesselose Interesse, das ästhetische Empfindung möglich macht), aber es bleibt vorhanden. Eine Übersetzung setzt einen Leser voraus, der die Übersetzung anfertigt, der damit einen anderen Text produziert und uns eine mögliche Deutung des Originals anbietet. Zugleich ist diese eine Deutung eines Textes offen für zahllose andere Deutungen. Eine Übersetzung ist damit der Blick durch eine Brille auf den Text, aber eine Brille haben wir beim Blick auf den Text ohnehin auf. So gesehen erlaubt es die Übersetzung, uns die Tatsache des Deutens beim Lesen bewusst zu machen.
Übersetzungen, wenn sie sorgfältig gemacht sind, können damit sogar eine Bereicherung sein und die Frage nach der Übersetzbarkeit kann uns Einblicke in den Stellenwert eines Textes geben. Die Bereicherung wird mir jedes Mal bewusst, wenn ich Star Trek – The Next Generation schaue. Wesley Crusher ist die schlimmste Nervensäge der Galaxis, auch wenn ich ihn für ein sympathisches Kerlchen halte. Seine Nervigkeit wird durch die deutsche Synchronstimme von Wil Wheaton noch wesentlich spürbarer als durch die Originalstimme. Dieses Gequäke von Sven Plate macht das Wiesel manchmal unerträglich und raubt mir den letzten Nerv.
Die Bedeutsamkeit eines Textes wurde mir beim Nachdenken über Herta Müller bewusst. Ich kann ihren Werken nicht viel abgewinnen, wusste aber lange Zeit nicht so recht wieso. Heute denke ich, dass sie keine Substanz jenseits des Spiels mit den Worten hat und mir dieser Formalismus nicht genügt. Stilistisch ist sie meisterhaft und ihre Metaphern und Symbole beeindrucken mich immer wieder, aber mehr bieten ihre Texte zumindest mir nicht. Das wurde mir bewusst, als ich mich nach der wiederholten Lektüre von  Atemschaukel fragte, wie man das Buch übersetzen solle. Ich kam zu dem Schluss, dass man am Ende alle Metaphern herauslassen und eine sehr knappe Kurzgeschichte in der Fremdsprache veröffentlichen könne, wenn man sich auf Müllers Sprachspielereien nicht einlässt.
Von daher: Es ist kein Verbrechen, Übersetzungen zu lesen, zu hören oder zu schauen, denn einen direkten Zugriff auf Textintention oder Autorenintention gibt es nicht. Wir nehmen den Text immer durch eine eigene Intention vermittelt wahr. Gerade wenn man „nur“ unterhalten werden will, braucht man die originalsprachlichen Texte nicht. Das heißt nicht, dass eine Übersetzung nicht auch mies sein kann, wenn sie den Deutungshorizont eines Textes extrem verknappt oder überreizt. Das kann durchaus passieren. Aber selbst ein gewisser Stil lässt sich im Rahmen einer Übersetzung nachahmen oder übertragen, sie ist nie bloß Notbehelf.
Wer die Übersetzung verachtet, darf aber gern auch weiterhin Aristophanes im altgriechischen, Solschenizyn im russischen und Hildegunst von Mythenmetz im zamonischen Original lesen. Er sollte sich nur darüber im Klaren sein, dass er sich als Leser nicht ernst nimmt, wenn er die Mühen allein wegen seines Snobismus macht.

Und zuletzt zu was Schmackhaftem

Heute gibt es Weizenschrot-Dinkelbrot mit Sonnenblumenkernen und gehackten Nüssen (links) und ein eher helles Mischbrot mit 60% Roggenanteil (rechts). Die Nüsse (Walnuss, Haselnuss, Paranuss, Mandel, Cashew, Erdnuss) waren vom Geburtstagsnachtisch übrig und mussten verwertet werden, außerdem passen Nüsse und Dinkel gut zusammen. Guten Appetit!

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2 Kommentare zu „Wie übersetzt man Dinkelbrot? Von Übersetzungen und Nussbroten

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