Es ist nie gut, immer nur im eigenen Saft zu schmoren. Meine Gedanken beginnen dann stetsum mich selbst zu kreisen und ich fange an, sollipsistisch zu denken. Wahrscheinlich geht es uns allen so. Deshalb lesen wir andere Blogs, kommentieren, diskutieren und lassen uns Anregungen für neue Blogartikel geben. Um auch ein wenig Abwechslung in meinen Kopf zu bekommen, habe ich mir die „Montagsfrage“ als eine solche Anregung ins Haus geholt. Diesen Montag: Verleiht ihr eure Bücher?

Sollte jetzt jemand protestieren, dass heute Dienstag sei? Bitte, gern, gerade im Moment ist aber Montag. Mein internes Lektorat ist eine Behörde, das arbeitet nur in Ausnahmefällen mit weniger als 24 Stunden Verzögerung.

montagsfrage_banner

Keine Angst vor ramponierten Büchern

Grundsätzlich verleihe ich meine Bücher, aber immer mit einem bangen Gefühl. Ich arbeite ein paar Stunden in einer Bibliothek und sehe dort auch meine berufliche Zukunft, aber das Prinzip des Bücherverleihs bereitet mir nichtsdestotrotz Unbehagen. Ich ent-leihe nur sehr selten Bücher, meist Sachbücher. Da interessiert mich dann ein bestimmtes Thema, ein Rezept, eine Bastelanleitung, aber nicht so sehr, dass ich dasBuch anschaffen müsste. Ich ziehe das Buch dem Netz vor, weil man dort die Themen meist besser überblicken kann und an einem Ort hat. Zusammengooglen ist manchmal eine mühselige Angelegenheit.
Die Bibliotheksnutzer sind alle sehr sorgfältige Menschen, völlig verhunzte Bücher bekomme ich nur selten zu Gesicht. Meist sehen die Bücher nicht mehr gut aus, weil sie im Laufe ihres Lebens durch viele Hände und damit durch viele Taschen gegangen sind. Das hält die beste Bindung auf Dauer nicht durch. Da ich viel unterwegs lese, sehen meine Bücher gelegentlich auch durch meine eigene Hand ramponiert aus. Das lässt sich leider nicht immer verhindern.

Erinnerungsort Buch

So habe ich keine Angst vor demolierten Büchern, die ich zurückbekommen könnte. Ich sehe ja, wie häufig es gut geht. Mein Problem ist eher, dass ich mich von meinen Büchern nicht einmal temporär trennen mag. Meine Bücher sind meine guten Freunde, zumindest diejenigen, die dauerhaft einen Platz im Regal bekommen … und das sind die meisten.  Die Vorstellung, ein Buch nie mehr wiederzusehen, ist für mich ein Albtraum. Meine Bücher stehen nicht nur im Regal, sie sind physische Manifestationen meiner Lese-Erinnerungen. Häufig betrachte ich eins der Bücher und kann mich an den Inhalt erinnern sowie wann ich das Buch gelesen habe und welche Stimmungen damit verbunden waren. Gebe ich solch ein Buch aus der Hand, gebe ich auch eine Erinnerung aus der Hand. Zurück bleibt die Sorge, dass ich meine Erinnerung verlieren könnte, denn: Ist das Buch kaputt, bleibt es das Buch. Ersetze ich es durch ein neues Exemplar, ist es mit der Erinnerung an den Buchersatz verbunden, nicht mit dem Lese-Erlebnis.

Der Gewinn

Ich bin ein netter Mensch und freue mich, anderen Buchempfehlungen geben und großartige Lese-Erlebnisse verschaffen zu können. Dementsprechend ist es mir ein Bedürfnis, Bücher zu verleihen, auch wenn es mich immer wieder in Ängste stürzt. Glücklicherweise wurden meine Ängste aber noch nie bestätigt.
Von daher gebe ich meine Bücher aus der Hand und reichere idealiter meine Erinnerungen an. Dies ist das Buch, das meine Mutter so wütend wie noch nie gemacht hat, jenes das Buch, dass einem Freund geholfen hat mich besser zu verstehen und ein guter Freund zu werden und das Buch war eine katastrophale Fehl-Empfehlung, die mir etwas Neues über meinen Kollegen verraten hat.

Advertisements

9 Kommentare zu „Montagsfrage: Verleihst du deine Bücher?

  1. Ich habe mir zigmal geschworen, keine mehr zu verleihen. Immer dann, wenn ich mir wieder ein verliehenes neu kaufen musste, weil ich nicht mehr wußte, wer es hat. Leider hat mein Vorsatz nie lange gehalten.
    Aber: das ist jetzt vorbei. Ich lese hauptsächlich e-books und die bleiben meistens schön auf meinem Rechner und Reader;-)

    Gefällt 1 Person

    1. … weshalb ich übrigens trotz aller Technikaffinität kein großer Fan der Lesegeräte bin. Wer welches Buch hat, vergesse ich glücklicherweise nicht. Der Vorteil weitestgehender sozialer Isolation. Auch wenn ich es gern tue, so viele Menschen sehe ich gar nicht regelmäßig, dass ich ihnen Bücher leihen könnte und den Überblick verlieren könnte. 🙂

      Gefällt mir

  2. „trotz aller Technikaffinität kein großer Fan der Lesegeräte bin“

    ja, so habe ich auch mal gedacht. Und auch, dass ich dieses schöne Knacken, wenn man ein nagelneues Buch zum ersten Mal aufschlägt, vermissen werde. Den Geruch des Buches, das Gefühl des Papieres…..
    Nein, nichts davon vermisse ich. Ich kann es aber nachvollziehen, wenn jemand lieber „echte“ Bücher lesen mag 🙂

    Gefällt mir

    1. Ich habe sogar einen und nutze ihn gelegentlich. Es ist nicht die Sensorik allein, oder doch, aber anders. Mir fehlt die Bindung, die ich zu meinen Papierbüchern habe, bei den eBooks völlig. Die Erinnerungen sind weitaus blasser, weil jedes Buch trotz unterschiedlichen Inhalts eben zum Teil „nur der Reader“ ist. Die Erinnerungen haben keinen eigenen Ort jenseits meines Kopfes. Und der ist notorisch unzuverlässig.

      Gefällt mir

  3. „der ist notorisch unzuverlässig“

    Kenne ich 🙂 Obwohl meine Kollegin der festen Überzeugung ist, dass mein Hirn nur dann unzuverlässig arbeitet, wenn mich etwas langweilt. Und ich mir Dinge, die mich interessieren, hervorragend merken kann.

    Jetzt werde ich mir „Montag“ merken, um mir am nächsten Dienstag oder Donnerstag die nächste Montagsfrage anzuschauen:-)
    Guter Einfall von dir.

    Gefällt 1 Person

  4. Ich verleihe viel und oft, führe eine kluge Verleihliste und bekomme ca. 50% von selbst wieder. Die restlichen 40% kommen per Nachfrage früher oder später zurück. 10% sind Schwund.
    Da ich zum ersten Mal nur verleihe, was ich nicht vermissen würde, bekomme ich eine Idee davon, wie zuverlässig jemand ist. Wer einmal unzuverlässig ist, kriegt nichts mehr.

    Plastikbücher mit Schmieroberfläche sind für mich kein Thema. 1. setze ich mich andauern auf meine Bücher, die unter irgendwelche Kissen und Decken gerutscht sind (*knack* würde der Reader dazu sagen) , 2. lese ich immer und überall (Sonne, Strand, …) und da schwächeln sie trotz Innovationen und 3. möchte ich mich nicht ärgern, wenn mir am Strand mein 100€-Buch geklaut wird. Ein Papierbuch klaut heutzutage hingegen niemand mehr.
    Und in meiner Höhle fühle ich mich zwischen 1000 Büchern wohler als neben einem Elektrogerät.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s