Wenn Guido Knopp aus familiärer Rücksichtnahme Downton Abbey aufs Brot schmiert

Es ist Sonntagmorgen. Es ist Zeit für Downton Abbey, Staffel 3 Folge 2. Heute morgen funktioniert Prime glücklicherweise, sodass dem Seriengenuss nichts im Wege steht. Aber statt mich darauf zu freuen, beginne ich im Kopf einen Artikel über Verärgerung und die Freuden des Alleinwohnens zu entwerfen. Das mit der gegenseitigen Rücksichtnahme ist eine schöne Sache, wenn man nicht das Gefühl hat, der einzige zu sein, der sich bemüht. Sich am frühen Morgen aufzuregen hingegen ist nicht gut für die Psychohygiene. Deshalb werde ich den Beitrag sein lassen und lieber über Geschichts-TV schreiben. Die unglaublichen Freuden, mit einer Familie zusammenzuwohnen, hebe ich mir für ein andermal auf. Und wer nur hier ist, weil er ein Bild von den gestern angekündigten Broten sehen will, muss bis zum Ende durchhalten. 😉

Warum Downton Abbey großartig ist



Der Handlungsbogen der Serie ist gleichermaßen komplex wie eigentlich nicht vorhanden: Es geht um eine Familie der Oberschicht in sich verändernden Zeiten. Das Leben in Zeiten des Umbruchs ist ein aktuelles Thema, die Serie damit ein historischer Kommentar auf die Gegenwart, zumindest ließe sie sich dafür fruchtbar machen. Nicht vorhanden ist der Handlungsbogen, weil das Leben streng genommen kein Handlungsbogen ist.
Ich liebe die Serie vor Allem wegen der großartigen Ausstattung, der Dialoge, der schauspielerischen Leistungen und der kleinen Geschichten selbst. Von Folge zu Folge entwickelt sich nicht bloß ein Handlungsstrang, sondern unzählige Geschichten werden vorangetrieben. Die Liebe zweier Dienstboten, die vielfältigen Verwicklungen der Erbschaftsfragen, das Ringen um eine herrschaftliche Fassade, die vielen kleinen Intrigen. Die Serie ist hochkomplex, aber im Gegensatz zu bspw. Game of Thrones verliere ich nicht den Überblick, wenn ich nur eine Folge pro Woche schaffe. Alle Ebenen werden gleichberechtigt beleuchtet, das macht viel Freude.

Deutsches Geschichts-TV und der analytische Blick

Eigentlich habe ich eine Allergie gegen historische Themen im Fernsehen. In meinem Geschichtsstudium war Geschichte in Film und Fernsehen ein Schwerpunkt. In der Fachdidaktik habe ich nur einmal zu einem anderen Thema geschrieben – und das nur, weil das Seminar zum Handelnden Lernen war, inkl. praktischer Darbietungen. Der eigene Kurzfilm als Unterrichtsthema war mir zu aufwändig für einen Schein, der nicht in die Examensnote eingeht, während ich schon in den Vorbereitungen der Examensarbeit steckte.
Jedenfalls lernt man in einem solchen Studium gewisse Reflexe, dazu gehört auch die Gedankenassoziationskette Geschichte-Fernsehen-Guido Knopp-Teufel. Denke ich an Geschichts-TV in der Nacht, bin ich vor Voyeurismus und penetrant erzeugter Betroffenheit um den Schlaf gebracht. Das ist bisweilen unfair, aber zumindest im Falle der Knoppumentationen immer zutreffend. Geschichts-TV kann ich mit dieser Prägung kaum anders konsumieren als mit dem analytischen Blick: Statt mich zu fragen, wie stimmig alles ist, suche ich die Abweichungen und Wertungen, um mich dann darüber aufzuregen, dass eine meist fragwürdige Geschichte erzählt und als einzig selig machende Wahrheit verkauft wird.
Das betrifft Spielfilme und Dokumentationen in gleicher Weise, denn Dokumentationen erzählen Geschichten, sie erheben nur explizit den Anspruch, etwas über die Vergangenheit und ihre Deutungen zu vermitteln, während Filme wie Luther den Anspruch hinter dem Paradigma der Unterhaltung verbergen. Das ist, wenn der Filmemacher dies ausnutzt, noch perfider als das Vorgehen in Dokumentationen, es ist gefährlich nah an dem, was man Propaganda nennen kann.

Die Seligkeit fehlenden Wissens und erzählte Vielfalt



Warum klappt das nun bei Downton Abbey, dass ich mich unterhalten fühle? Zum Teil liegt es wohl an der behandelten Zeit und Landschaft. Englische Geschichte des frühesten 20. Jahrhunderts ist alles andere als mein Fachgebiet. Zum größten Teil liegt es aber, wie ich mich vermute,
1) an der auffallend hohen Qualität, die ich oben angesprochen habe,
2) daran, dass die Serie oben und unten, außen und innen der Gesellschaft Raum gibt und so viele Deutungsangebote der Vergangenheit macht. Es gibt Sozialisten und Reaktionäre, Konservative und Progressive, Adelige, Bettler und Kapitalisten. Sie alle stehen miteinander in Beziehung, sie sind alle liebenswert und verabscheuungswürdig. Selbst die Schufte wie Thomas haben ihre Momente, an denen ich Mitleid mit ihnen habe oder ihnen sogar Sympathie entgegen bringe. Die Heiligen wie Anna möchte ich auch manchmal anschreien, zumindest schüttele ich gelegentlich den Kopf über sie.
Wenn es in der Serie also ein schwarz und weiß gibt, so wird es immer wieder durch Grauzeichnung relativiert. Das ist nah dran an dem, was ich mir insbesondere für die grauenvollen NS-Dokumentationen wünschen würde, die das Böse nutzen, um einen lustvoll indiskreten Blick auf das Umfeld des Bösen zu werfen. Vielleicht kann ich dann auch wieder häufiger TV gucken, ohne dass mir die Galle überläuft. Das Fernsehen braucht mehr Downton Abbey.

Und zum Schluss noch ein Bild von den gestern gebackenen Broten: Links ein Graubrot, rechts ein Roggenschrotbrot.

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