Benjamin Mee – Wir kaufen einen Zoo

Ich frage mich, wie dieses Buch sich in die Belletristik-Abteilung meiner Bertelsmann-Buchhandlung (richtig, auch in dieser Buchbesprechung werde ich zur Gestaltung kein Wort verlieren) verlaufen konnte, aber dort habe ich es gefunden und gerettet. Eigentlich war das bloß ein Verlegenheitskauf, weil das Quartal beinahe um war, der von mir favorisierte Artikel nicht verfügbar war und ich mein Budget beim Bücherkaufen so lange begrenze, bis ich mit dem niedrigen Preis nicht mehr mein schlechtes Gewissen beruhigen muss. Was, du hast schon wieder ein Buch gekauft? Du hast doch noch die vielen, die du letztens gekauft hast und die du davor gekauft hast und davor und überhaupt: Wo willst du die noch unterbringen? Ihr kennt das sicher.

Das spricht natürlich alles nicht für oder gegen das Buch, aber meinen Quartalskäufen stehe ich manchmal auch ein wenig skeptisch gegenüber. Den letzten habe ich vor Kurzem ja hier besprochen, da kann ich dran anknüpfen. Benjamin Mee ist ein ehemaliger Heimwerkerkolumnenschreiber (da hätten wir den zweiten Rückgriff auf „Du hast mich auf dem Balkon vergessen“), der sein Leben mit Frau und zwei Kindern in Frankreich verbrachte, bis sein Vater starb und die Familie beschloss, einen Zoo zu kaufen. Der ist ziemlich heruntergekommen und man benötigt eine Lizenz, um ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es wird also ein Haufen Arbeit auf Familie Mee zukommen.

So simpel kann eine Geschichte sein – und auch das wahre Leben schreibt Geschichten, deshalb sollte man die Einordnung als Sachbuch nicht allzu ernst nehmen. Es ist mehr oder minder ein Tatsachenbericht, deshalb ist es dort einsortiert. Lustig, traurig, bewegend, absurd ist es dennoch. Benjamin Mee merkt man das schreiberische Talent durchaus an und man merkt ihm auch an, wie sehr er seinen Zoo liebt. Er erzählt mit Begeisterung von den Begegnungen mit seinen Tieren wie dem Tapir Ronny, den drei Tigern, die sich streicheln lassen, was es für eine existentielle Erfahrung ist, von einem Löwen aus nächster Nähe angebrüllt zu werden und zu welch List und Tücke ein Jaguar fähig ist.

Dabei erzählt Mee routiniert nicht bloß von seinen Erfahrungen, man erfährt auch das ein oder andere Detail über die Tiere, die er beschreibt. Die Vorstellung, dass ein Tapir zur Dampframme wird, ist beinahe kaum zu realisieren. Ich habe es dennoch versucht und musste herzlich darüber lachen. Das macht dieses Büchlein gleichzeitig auch lehrreich. Und nicht nur über Tiere erfährt man natürlich etwas, sondern wie ein Zoo hinter den Kulissen betrieben wird. Wer an Gehegen vorbeischlendert merkt dies zumeist nicht – und wer höchst selten den Fernseher anmacht, damit Elefant-Löwe-Tiger-Flamigo-Papagei-Kakerlake-und-co. nicht guckt, bekommt so über das Buch ein paar Einblicke in die Organisation.

So sehr Mee darin brilliert, Szenen in humorvoller Art und Weise zu präsentieren und die Charaktere seiner Tiere auszubuchstabieren, so arbeitet er an einigen Stellen aber nicht sauber. Das tut dem Lesevergnügen keinen großen Abbruch, aber führt dazu, dass ich keine Leseempfehlung aussprechen werde. Da wäre zum Einen seine erwähnte Liebe zu den Tieren: Diese gilt in erster Linie Raubkatzen und Affen. Zu Beginn erfährt man auch einiges über die Reptilien im Zoo und zu einer der Schlangen scheint Benjamin Mee eine Beziehung aufgebaut zu haben, zumindest schildert er dies so. Denn im weiteren Verlauf des Buches bleibt manche Tierbegegnung episodisch. Die vorgestellten Tiere hin und wieder einmal wieder aufzugreifen oder sie nebenbei zu erwähnen (sei es, dass man an ihrem Gehege vorbeiläuft), hätte zur Lebendigkeit der Erzählung sicher beigetragen.

Bekommen wir vom Autor vorgeführt, wie man Tieren einen unverwechselbaren Charakter verleiht, so gelingt ihm das bei Menschen nicht. Von sich selbst und seiner Ehefrau abgesehen bleiben die auftretenden Menschen in „Wir kaufen einen Zoo“ merkwürdig blass. Man erfährt nichts über ihr Leben, nicht einmal über ihren Charakter. Sie sind alle großartig und packen hart an und sind unheimlich verständnisvoll und hilfsbereit. Das mag so stimmen, denn sonst hätte das Projekt der Zoorettung sicherlich nicht funktioniert, aber die Dramatis Personae neigten dazu, vor meinem inneren Auge zu verschwimmen. Wenn ein Name fiel, konnte ich ihn kaum zuordnen außer zu sagen, diese Person sei großartig, hart arbeitend, hilfsbereit, verständnisvoll. Es war, als ob bloß eine Figur unter verschiedenen Namen auftritt.

Schließlich hapert es auch an der Darstellung von Catherine, seiner Frau. Bei ihr wird noch in Frankreich, bevor die Familie den Zoo kauft, ein schwerer Hirntumor diagnostiziert, der zuerst erfolgreich behandelt werden kann, dem sie letztendlich allerdings doch erliegt, weil er zurückkehrt. Die Episode mit der Rückkehr des Tumors ist sehr berührend geschrieben und die Schilderung der letzten Tagen und Wochen seiner Frau, in denen er sie pflegt, füttert, wäscht, etc. waren unheimlich berührend. Was allerdings beim Lesen sehr störend war und mich die ganze Zeit mit der Warum-Frage gequält hat ist die Tatsache, warum Catherine zwischendurch verschwindet. Benjamin Mee verlässt seine genesende Frau und die beiden Kinder in Frankreich, um nach England zu reisen, wo sich der Zoo befindet. Von da an erfährt man nichts über Catherine. Vielleicht hat der Zoo-Enthusiasmus zu sehr um sich gegriffen, dass die beiden Eheleute keinen Kontakt miteinander hatten, bis Catherine selbst ebenfalls nach England übersiedelt? War die erfolgreiche Tumorbehandlung zu Beginn des Buches neben dem Kauf des Zoos noch bestimmendes Thema, verschwindet es still und leise einfach wieder, bevor es schließlich mit Macht zurückkommt. An dieser Stelle hätte ich mir ein wenig mehr Tiefe und Rücksicht auf den Fluss des Erzählten gewünscht.

Insgesamt ist dies kein schlechtes Buch. Es ist unterhaltsam, lehrreich, lustig und traurig. Das alles auf bloß 300 Seiten, sodass man dem Buch sicherlich eine Chance geben kann, ohne enttäuscht darüber zu sein, seine Lebenszeit darin investiert zu haben. Es bleiben aber auch die Schwächen – es ist kein Roman, in dem es darum geht, die Geschichte ordentlich zu konstruieren, aber man wünschte es sich doch auch in einem Erfahrungsbericht, dass alle maßgeblichen Figuren ihren Raum bekommen und individuell portraitiert werden. Wer darauf nicht so viel Wert legt, sondern eine traurige kleine Familiengeschichte lesen möchte, garniert mit vielen lustigen Zoo-Episoden, der sollte hier entschlossen zugreifen.

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