Susan Hill – Das Gemälde

Ich bin ein sehr furchtsamer Mensch, das sei hier vorausgeschickt. Ich habe Angst im Dunkeln, drehe mich nachts auf dem Weg heim nach Schritten um, die ich höre, obwohl mein iPod bis zum Anschlag aufgedreht ist, nur um festzustellen, dass dort niemand ist.  Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ habe ich in einem Anfall von Wahnsinn nur im Schein einer kleinen Lampe zu lesen begonnen, das Resultat war eine schlaflose Nacht – das Buch habe ich nur noch im hellen Sonnenschein angepackt und in eine düstere Ecke meines Regals verbannt. Warum das so ist? Wahrscheinlich, weil ich mit sieben Jahren dem ultimativen Bösen in Form von Darth Vader begegnet bin, der magische Wirkung auf mich hatte und in mir die Einbildung weckte, mir in sämtlichen schlecht einsehbaren Ecken des Hauses – inkl. der Dusche im Badezimmer – aufzulauern, sobald es dunkel geworden war.

Wirklich besser geworden ist es über die Jahre nicht, auch wenn die Furcht entpersonalisiert wurde. Darth Vader ist für mich nur noch der coolste Bösewicht der Filmgeschichte. Warum erzähle ich das alles? Susan Hills Geschichte „Das Gemälde“ ist ein Schauerroman, der auf solche Wirkungen abzielen sollte, nimmt man das „Schauer“ einmal ernst. Ich war also skeptisch, ob ich es überhaupt lesen sollte und wenn ja, ob ich es nicht besser bei Tageslicht lesen sollte.

Ich habe mich dazu entschlossen, es nicht bloß zu lesen, sondern zur Geisterstunde zu lesen – im Schein der gleichen Leselampe, die mir bei Stephen King Herzrasen verursacht hat. Doch das Resultat war nicht das Gleiche, im Gegenteil, ich habe mich köstlich amüsiert. Die folgende Rezension ist also ein Erkundungsgang, woran es liegt: An Susan Hills Geschichte, am Unterschied der Genres Horror und Schauer oder daran, dass ich in den letzten Jahren gereift bin?

Bevor es in medias res geht, die obligatorische Würdigung der Buchgestaltung: Die 160 Seiten sind von Knaur als Hardcover aufgelegt, die Aufmachung passt zum Inhalt. Eine Schauergeschichte, die nicht fast ausschließlich in Schwarz gehalten ist, wird wohl kaum eine ernstzunehmende Schauergeschichte sein. Die Covergestaltung folgt dem Arrangement der Geschichte: Wie die Geschichte mit wenigen Orten und einer übersichtlichen Anzahl an Charakteren auskommt, die sich alle um eine Szene des Karnevals drehen, kommt das Umschlagbild auch mit einer weißen Karnevalsmaske aus. Die Schrift ist bewusst altmodisch, eine Antiqua-Schriftart mit Serifen, großzügig gesetzt, die einem das stimmungsvolle Lese-Erlebnis zusätzlich versüßt.

Der Inhalt dieses schmalen Bandes ist schnell zusammengefasst: Ein alter Herr, ehedem Tutor an der Universität Cambridge, Kunstsammler, Junggeselle und sein Altenteil in seinem alten College verlebend, erzählt seinem ehemaligen Schüler die Geschichte eines Gemäldes, das er vor vielen Jahren in seinen Besitz gebracht hat und welch unglaubliches Geheimnis dieses Bild birgt, das eine Szene des Karnevals in Venedig zeigt. Rund um dieses Bild geschehen allerlei merkwürdige Dinge, es scheint nicht von dieser Welt. womöglich fluchbeladen zu sein.

Wie bereits angedeutet handelt es sich um eine sparsam möblierte Geschichte, aber sie enthält alles, was man von einer üblichen Schauergeschichte erwarten sollte: Es gibt einen naiven Ich-Erzähler, einen etwas exzentrischen und eigenbrötlerischen alten Gentleman, eine hochgradig exzentrische Gräfin und eine mysteriöse Fremde. Dazu kommen die Orte: Die Geschichte spielt in den altehrwürdigen Mauern eines Colleges in Cambridge, einem alten Herrensitz, vollgestopft mit den verschiedensten Sammelleidenschaften der Familie (inkl. Totenschädel) und in Venedig. Drei klassische Orte, denkt man bei dem College mittlerweile wohl unweigerlich an Hogwarts, alte Herrensitze umfassen zwangsläufig Geister und Geheimnisse, ebenso wie Venedig ein magischer und merkwürdige Fleck Erde ist, durch die Masken und die einzigartige Architektur der profanen Welt enthoben, zauberhaft, geisterhaft, nicht zu fassen. Die Zutaten für eine klassische Schauergeschichte sind also vorhanden und Susan Hill gelingt es, einen Erzählton anzuschlagen, der dem Leser und der Leserin das Gefühl gibt, dass diese Welt nicht anachronistisch ist, sondern dass sie sich in die bestehende, uns vertraute Welt einfügt.

Damit fällt Susan Hills Erzählkunst als Hinderungsgrund am Gruseln heraus. Oder vielleicht doch: Vielleicht werden die typischen Erwartungen geweckt, sodass man damit rechnet, dass das Bild ein Geheimnis birgt und vielleicht ist das Setting zu vertraut, als dass man das Gefühl entwickeln könnte, sich gruseln zu müssen. Die Geschichte bietet durchaus den ein oder anderen überraschenden Moment, insbesondere das Ende habe ich mir anders vorgestellt. Es hat mit meinen Erwartungen gebrochen, aber es gab keinen Moment des Schauderns oder des schockierten Atemanhaltens. Dies scheinen mir aber trotz mangelnder Lese-Erfahrung (ich bin, wie bereits ausgeführt, ein ausgemachter Angsthase) wichtige Momente sowohl der Horror- als auch der Gruselliteratur zu sein. Damit liegt mein Entzücken auch nicht am Genre-Unterschied.

Vielleicht bin ich damit zu rational geworden, um mich im Dunkeln, nur im Schein einer Lampe und eingemummt in eine Decke, einer Gruselgeschichte hinzugeben. Bedenkt man, dass ich nachts in der Wohnung immer nur dann merkwürdige Geräusche höre, wenn ich allein bin, die mir das Einschlafen unbehaglich machen, möchte ich das allerdings verneinen. Damit müsste ich auf den Punkt zurückkommen, dass die klassische Schauergeschichte in ihrer Anlage womöglich ausgedient hat. Selbst wenn sie noch so kunstvoll erzählt ist und die verschiedenen Topoi des Grusels in unserem kulturellen Gedächtnis berührt, beim Lesen hatte ich eher das Gefühl ich durchwandere ein literarisches Museum als einer literarischen Geisterbahn, wie ich es erwartet hätte. Grusel ist, betrachtet man diesen Vergleich, damit nichts, das zeitlos ist. Damit hätte jede Zeit ihren eigenen Schrecken.

Ob dies so ist oder nicht, kann ich auf Grund meiner mangelnden Belesenheit auf diesem Gebiet nicht bestätigen. Vielleicht gebe ich irgendwann den gesammelten Werken von Poe mal eine Chance oder versuche mich an Bram Stokers Dracula. Dann werde ich darauf zurückkommen.

Was das ansehnliche Büchlein „Das Gemälde“ angeht, bleibt mir als Fazit zwar festzustellen, dass es nicht schauderhaft ist, in der doppelten Bedeutung: Mich hat es zwar nicht geschaudert und meine Erwartung wurde enttäuscht, doch das hat mich nicht schaudern lassen, im Gegenteil: Die Charaktere bekommen durch das genaue Beobachten der Autorin, das Reden und das Tun ihrer Figuren, alle ihr eigenes Leben. Sie wirken weder aus der Zeit gefallen noch ausgedacht. Die Geschichte ist kunstvoll verwoben, es gibt kleine Andeutungen auf das, was später passieren wird, wie nach und nach deutlich wird. Weil es gut erzählt ist und den Zugang in eine authentische Welt erlaubt, macht die Lektüre dieses Buches Spaß; und ehrlich gesagt bin ich doch ganz froh, dass ich in dieser Nacht Schlaf gefunden habe.

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